Politik

30.04.201208:59 Uhr

"Elf drohende Kriege"

  • Die Zukunft ist voll von Kriegsgefahren, wenn sich heutige Trends ungebrochen fortsetzen.
  • Essay von Christian Schwägerl und Andreas Rinke.

Gemeinsam ist diesen Szenarien, dass sie alles andere als Science-Fiction sind. Sie gründen auf "Stressfaktoren der Zukunft“, die heute eigentlich für jedermann offensichtlich sind.

Auf dem Ozean, 400 Seemeilen nordwestlich von Perth, betrachtet ein australischer Marinesoldat mit einem hochauflösenden Fernglas den Rohstofffrachter, den er und seine Kameraden auf dem Weg nach Europa beschützen sollen. Mit 600 Meter Länge gehört der Frachter zur neuen Superklasse. In seinem Inneren lagern Rohstoffe im Wert von vielen Hundert Millionen Dollar. Bereits seit 15 Jahren begleitet die australische Marine ausgewählte Rohstofflieferungen nach Europa, um Eisenerze, Kohle und Seltene Erden vor Piratenangriffen zu schützen.

Der Soldat freut sich gerade noch auf den Landgang in Rotterdam, da findet sein Leben ein jähes Ende. Er und die gesamte Besatzung des Begleitschiffs sterben in einem riesigen Feuerball. Drei chinesische Tarnkappenschiffe, die selbst der hochmodernen australischen Überwachungstechnik entgangen waren, erscheinen wie aus dem Nichts und drängen den Rohstofffrachter in Richtung Norden ab. In Peking ordert der Präsident eine Bildleitung zum australischen Ministerpräsidenten … -

Heute ist das Szenario eines chinesischen Angriffs auf Australien noch reine Fiktion. Die chinesische Führung betont unermüdlich, dass sie ihren Aufstieg zur Supermacht ausschließlich friedlich gestalten will. Doch bei den Recherchen zu unserem Buch "11 drohende Kriege“ hat uns ein früherer australischer Verteidigungsminister bestätigt, dass es aus seiner Sicht für sein Land eigentlich nur ein echtes Kriegsszenario gibt: einen Angriff Chinas, um an Rohstoffe zu gelangen.

Die Zukunft ist voll von solchen und ähnlichen Kriegsgefahren, wenn sich heutige Trends ungebrochen fortsetzen. Seltene Erden und andere Metalle, die in Hightech-Geräten aller Art stecken, landen weiterhin größtenteils auf dem Müll. Gelingt es nicht, sie systematisch wiederzuverwerten, wird sich der weltweite Wettkampf um Ressourcen an Land und auch in der Tiefsee in den kommenden Jahren dramatisch verschärfen. Erst vergangene Woche hat die deutsche Industrie ein neues Konsortium gegründet, um weltweit auf Rohstoffjagd zu gehen.

Im Fall von Australien und China sind die Verhältnisse klar. Der Rohstoffhunger des Milliardenvolks ist riesengroß, und das Land braucht stetes Wirtschaftswachstum, um seine Bevölkerung zu befrieden und seine innere Stabilität zu sichern. Australien mit seinen 22,3 Millionen Einwohnern liegt als riesiger Rohstoffklumpen nicht allzu weit entfernt. US-Präsident Obama proklamiert neuerdings das "pazifische Jahrhundert“ vor allem deshalb, weil die USA Angst davor haben, ihre dominante Stellung im pazifischen Raum an China abtreten zu müssen. In Zukunft könnten die USA angesichts der sich verschiebenden Machtverhältnisse tatsächlich nicht mehr in der Lage sein, die schnell wachsende chinesische Marine in Schach zu halten. Australien könnte zum "Beuteland“ werden.

Stressfaktoren der Zukunft

In dem Buch "11 drohende Kriege“ breiten wir in einer Mischung aus erzählten Szenarien und Sachberichten eine Vielzahl von Konfliktrisiken aus: Die Staatengemeinschaft ist überfordert mit einem Bakterium aus Tierfabriken, das gegen alle Antibiotika resistent ist; die USA versuchen ihre Dominanz im Weltall mit militärischen Mitteln zu behaupten; übermächtige IT-Konzerne nehmen die Rolle von Staaten ein und bekämpfen einander; in Afrika wird Weizen als Waffe eingesetzt; der reiche Teil Europas schottet sich mit einer Mauer gegen Klimaflüchtlinge ab; die Gehirnforschung wird für die Kriegsführung missbraucht.

Gemeinsam ist diesen Szenarien, dass sie alles andere als Science-Fiction sind. Sie gründen auf "Stressfaktoren der Zukunft“, die heute eigentlich für jedermann offensichtlich sind: Die Weltbevölkerung wächst von sieben Milliarden auf zehn Milliarden Menschen, und zugleich wächst die Nachfrage pro Kopf nach Nahrung, Rohstoffen und Energie deutlich. Die "grüne Infrastruktur“ des Planeten kommt durch Klimawandel, Artensterben und Übernutzung an Belastungsgrenzen. Der Wettbewerb um unverteilte Territorien - vor allem Weltraum, Meere und Cyberspace - wird schärfer. Während neue Technologien das Leben weiter erleichtern, ballen sich von der Gentechnik über den Datenverkehr bis zu Kühlgasen für das Weltklima Möglichkeiten der Manipulation in den Händen weniger. Und all dies geschieht vor dem Hintergrund einer gewaltigen geopolitischen Machtverschiebung aus dem Westen gen Asien.

Doch statt sich den Stressfaktoren von morgen zu stellen und sie zu kurieren, sind viele Regierungen ganz auf die Krisen von heute fokussiert. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wurde für mehrere Jahre so getan, als sei der Islamismus die einzige Gefahr für die Menschheit. Billionenbeträge flossen in die Kriege im Irak und in Afghanistan. 2009 musste der Direktor der Nationalen Nachrichtendienste der USA dann eingestehen, dass weitgehend unbemerkt die Finanzkrise als größte Bedrohung für Amerika herangewachsen war.

Solche Überraschungen sollten sich in Zukunft nicht allzu oft wiederholen. Denn die Wucht und Dimension potenzieller Krisen ist nach der umfangreichen Globalisierung der vergangenen Jahre noch gewachsen, während die Hemmschwelle für Gewaltanwendung zu sinken droht. Es geht in allen Dimensionen um immer mehr: mehr Wohlstand, mehr Menschen, mehr Risiken.

Die Finanzkrise rückt vieles in den Hintergrund. So gefährlich sie für den Westen ist, so gefährlich ist es auch, wenn Regierungen über dem Tagesmanagement vergessen, für die Zukunft vorzubauen. Mit unseren Szenarien möchten wir keine Vorhersagen in die Welt setzen, was auf jeden Fall passieren wird, sondern Warnungen, was passieren könnte, wenn bestimmte Risiken weiter ignoriert werden.

Ein Beispiel dafür ist die Überfischung. Was auf den Weltmeeren passiert, interessiert nur einen kleinen Teil der globalen Öffentlichkeit. Doch Proteine aus Fisch sind für die Welternährung enorm wichtig. Fallen sie aus, weil die Fischbestände kollabieren, kann es zu Ernährungskrisen kommen. In der Geschichte hat es schon mehrfach militärische Konflikte um die Fischerei gegeben. Aktuell zeigen Scharmützel zwischen chinesischen Schiffen und der Küstenwache der Philippinen und von Palau, wie brisant das Thema ist.

In unserem Szenario malen wir aus, wie in Zukunft im Nordatlantik die EU versucht, mithilfe von Minengürteln Meeresschutzgebiete zu sichern, damit sich die Fischbestände erholen können. Doch eine Allianz von Staaten, zu der Island, Russland, Japan und China gehören, will die Fischbestände um jeden Preis ausbeuten. Als wir das Buch schrieben, erschien uns die Gründung einer solchen Allianz eher unwahrscheinlich. Vor wenigen Tagen jedoch bot der chinesische Premier Island bei einem Besuch in Reykjavík eine strategische Allianz in vielen Bereichen an - und die Zeitung "China Daily“ begründete dies damit, dass Island wegen seiner zu hohen Fischquoten wohl nicht in die EU gelassen werde.

Fast zeitgleich hielten China und Russland ihr erstes formales gemeinsames Großmanöver zur See ab, um zu zeigen, dass sie gemeinsam Interessen durchsetzen können. Wir sagen ausdrücklich nicht, dass der "Proteinkrieg im Nordatlantik“ stattfinden wird. Doch wenn die europäische und internationale Fischereipolitik sich nicht ändern, könnte es nicht nur im Atlantik zu dramatischen Spannungen kommen.

Auch der Klimawandel wird inzwischen wieder systematisch als Sicherheitsrisiko unterschätzt. Die gesteigerte Aufmerksamkeit, die es vor dem UNO-Gipfel von Kopenhagen gab, ist wieder verflogen. In den USA wagt sich Präsident Obama nicht einmal mehr, das Wort Klimawandel in seinem Statement zum "Earth Day“ zu benutzen, weil er um Wählerstimmen fürchtet. Doch Klimaforscher sehen keinerlei Grund zur Entwarnung, im Gegenteil droht eine gefährliche Entwicklung.

Bleibt eine gemeinschaftliche Strategie der Staatengemeinschaft im Kampf gegen die Erderwärmung aus, ist es deshalb in Zukunft durchaus wahrscheinlich, dass einzelne Staaten das Weltklima im Alleingang stabilisieren wollen. In unserem Szenario zum Klimawandel erzählen wir, wie die USA in die Defensive geraten, weil andere Länder zu drastischen Maßnahmen gegen die Erwärmung greifen wollen. Es sind Maßnahmen, die den Wohlstand der USA gefährden und deshalb zu einem scharfen Konflikt führen …

Unsere Szenarien haben nicht nur auslösende "Stressfaktoren“ gemeinsam. Quer durch alle 11 Konflikte ist es auch so, dass sie heute als Risiken erkannt und deshalb abgewendet werden können. Denn am Beginn des 21. Jahrhunderts wachsen auch die positiven Kräfte: Die weltweite Vernetzung erhöht die Chancen für globales Problembewusstsein. Wissenschaftler entwickeln wegweisende "grüne Technologien“. Und jede neue Krise führt vor Augen, dass Nationalstaaten allein die Probleme einer globalisierten Welt nicht mehr lösen können.

Damit sich diese positiven Kräfte ausreichend entfalten können, sind viele konkrete Änderungen nötig: Rasche Schritte zur Stärkung der Vereinten Nationen gehören dazu. Alle Staaten müssen deutlich mehr in Bildung, Umweltschutz und Forschung investieren als heute. Zudem sind politische Strategien nötig, die auf Langfristigkeit anstelle der aktuellen Kurzatmigkeit gründen.

Die Zukunft ist bei allen Unwägbarkeiten und Fehlerquellen gestaltbar, darauf kommt es uns an. Die größte Bestätigung für uns wäre es deshalb, wenn keines unserer Szenarien Wirklichkeit würde, weil Politiker, Manager und Bürger in aller Welt rechtzeitig umgesteuert haben.

Zu den Personen: Christian Schwägerl (Bild l.), geboren 1968, ist Biologie und Wissenschaftsjournalist. Er arbeitete unter anderem für das Magazin "GEO“, die "Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und den "Spiegel“. Andreas Rinke (Bild r.), geboren 1961, ist Historiker und politischer Chefkorrespondent der Nachrichtenagentur Reuters in Berlin. Zuvor war er bei der "Hannnoverschen Allgemeinen Zeitung“ und beim "Handelsblatt“ und bereiste als Politik-Journalist die Welt.

Von Christian Schwägerl und Andreas Rinke

 
pixel