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Barbara Mayerl
21.04.201206:33 Uhr

"Kein Kunde kommt und fragt nach einem Windows Phone" ...noch!

  • Nokia zieht die Notbremse und vollzieht einen radikalen Kurswechsel, der sich 2012 voll auszahlen soll.

Nokia vollzieht einen radikalen Kurswechsel und durchläuft den heikelsten Konzernumbau seiner Geschichte. Ein gutes Ende ist noch nicht in Sicht. Noch zeichnen herbe Verluste und Produktpannen ein schlechtes Bild.

Jeder Tango beginnt mit dem Rückschritt, auch die finnische Version. Der Mann führt, in dem Fall ein Kanadier. Stephen Elop hat Nokia fest im Griff und versucht seit Herbst 2010, den richtigen Mix aus Dreh- und Stopp-Manövern zu finden. Applaus bekommt er dafür wenig. Mitte April kam es wieder richtig dick. Nokia schockte mit einer massiven Gewinnwarnung und musste einen schwerwiegenden Softwarefehler beim jüngsten Smartphone-Flaggschiff Lumia 900 eingestehen. Wenige Tage darauf stufte die Ratingagentur Moody’s die Kreditwürdigkeit des Konzerns herab, und die Nokia-Aktie ist am besten Weg zum Penny Stock.

Elop wusste, auf welche Braut er sich einlässt. Dank guter Verkäufe in Schwellenländern kann der Handy-Weltmarktführer seine Nummer-1-Position nominell zwar noch halten, muss aber stetig Marktanteile abtreten. Durch die tektonischen Verschiebungen in der iPhone-Ära hatten sich die Finnen noch mit einer Mischung aus Arroganz und Planlosigkeit durchlaviert. Selbst der größte Zukauf der letzten Jahre stellt sich im Rückblick als Verzweiflungsakt dar. Acht Milliarden Dollar hatte Nokia 2007 für die US-Firma Navteq gezahlt, um das Kartenmaterial dann doch gratis herzugeben. Nokias Kerngeschäft, das Bauen von Handys, beherrscht die asiatische Konkurrenz genauso gut - jedoch deutlich profitabler. Neue Spieler wie Apple oder Google setzten plötzlich die Mobilfunktrends. Die Pioniere des mobilen Büros (Nokia Communicator) reagierten zu spät auf die Wisch-Bewegungen in der Bedienung und auf die Apps.

Heute ist das meistverbreitete Smartphone-Betriebssystem Android. Der größte Smartphone-Hersteller ist Samsung, der vor wenigen Tagen selbstbewusst ankündigte, die Finnen endgültig vom Thron zu stoßen - 2012 schon, nicht erst später.

Elop hat Nokia eine radikale Schwitzkur verordnet und versucht die Gratwanderung, den Konzern komplett umzubauen und zeitgleich die richtigen Schritte nach vorn zu setzen. Eine feine Klinge führt er nicht; so verglich er einmal Nokia mit einer brennenden Ölplattform, ein anderes Mal zog er Analogien zur Griechenland-Rettung.

Brutal sind die Maßnahmen: 30.000 Mitarbeiter werden im Zuge des Umbaus gehen müssen; Einschnitte passieren in allen Hierarchieebenen; Länderorganisationen werden zusammengezogen. Elop biegt Nokia tief ins Kreuz und stoppt - auch gegen den Widerstand von Teilen des Managements - die Entwicklung der hauseigenen Betriebssysteme Symbian (einst Marktführer) und MeeGo.

Selbst Werksschließungen in Finnland sind nicht mehr tabu. Die Geschichte wiederholt sich: 2012 ist Salo, was Bochum 2008 für die Deutschen war. Mit patriotischen Befindlichkeiten wird sich der Vielflieger auf Rettungsmission nicht lange aufhalten. Produziert wird dort, wo auch Nokias wichtigster einzelner Absatzmarkt ist: in China.

Partnerwahl

In der Produktstrategie setzt Elop alles auf eine Karte: auf seinen Ex-Arbeitgeber Microsoft. Seit 2011 liefern die US-Amerikaner die Software für die Nokia-Smartphones. Für die neue Paarung spricht, dass zwei Konzerne ihre Stärken bündeln: Nokia baut Handys, Microsoft Programme. Analysten wie Carolina Milanesi von der Gartner Group geben dem Duo mittelfristig durchaus Chancen, ein Fünftel des Smartphone-Marktes zurückzuerobern. Der Nachrichtendienst Bloomberg wusste zu berichten, dass sich der Softwareriese mit einer Milliardensumme "eingekauft“ habe - wohl auch, um sich damit den Zugriff auf die Nokia-Patente zu sichern. 10.000 Patente sind ein ansehnliches Arsenal im Patentklagen-Krieg der Industrie. 2011 zahlte zähneknirschend sogar Apple seine Lizenzgebühren an die Finnen.

Die große Leidenschaft beim Publikum konnte das finnisch-amerikanische Duo noch nicht entfachen. Im niedrigen einstelligen Prozentbereich grundelt der Marktanteil bei Smartphones. Und Reuters zitierte Mitte April europäische Mobilfunkmanager, die über den Mangel an Strahlkraft jammern: "Kein Kunde kommt und fragt nach einem Windows Phone. Wenn die gleiche Hardware mit Android angeboten würde, wäre es viel leichter, die Geräte zu verkaufen.“ Hier ist noch einiges an Überzeugungsarbeit und Marketing-Geld nötig, um die Botschaft an den Käufer zu bringen. Von Fachtestern wird die Microsoft-Software jedenfalls gelobt. Schwere Programmierfehler sollten zwei Weltkonzernen aber nicht passieren. Die Entschädigungsgutscheine für verärgerte Anwender sind Peanuts gegen den Imageschaden solcher Aktionen. "2012 werden Sie unsere Strategie in voller Pracht erleben“, kündigte Elop im Herbst 2011 an. Diesen Jänner machte er dann wieder einen Schritt zurück: "2012 wird ein Jahr des Übergangs.“ Elop wird noch länger in der Kritik bleiben. Und die Gerüchte wollen nicht verstummen, dass er eigentlich nur den Eintänzer gibt - für eine Übernahme der Smartphone-Sparte durch Microsoft.

- Barbara Mayerl

 
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