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20.04.201211:39 Uhr

"Der Markt ist nicht gerecht, er war es nie, und wird es nie sein"

  • Gastkommentar von Rudolf Taschner.
  • Wie gerecht sind die Einkommen?

Solange die soziale Marktwirtschaft funktioniert, sollte man die Missgunst zügeln.

Genau 17.456.206 Euro. Unverschämt viel Geld, wenn es das Jahresgehalt einer einzigen Person ist - selbst nach Abzug der Steuern. Der VW-Chef Martin Winterkorn hat Verständnis für die Kritik an seinem enormen Gehalt: "Ich kann verstehen, dass manche sagen, das ist zu viel.“ Aber er hält es dennoch für angemessen. Hat er doch seinem Konzern zu einem formidablen Erfolg verholfen: VW hatte 2011 einen Rekordgewinn von fast 16 Milliarden Euro eingefahren. Und die 90.000 Beschäftigten bekommen eine Erfolgsbeteiligung in Höhe von je 7.500 Euro.

Für den Aufsichtsrat von VW ist nicht die Gerechtigkeit, sondern allein der Erfolg das, was zählt und belohnt werden muss. Denn der Markt ist nicht gerecht, er war es nie, und er wird es nie sein. Der Markt ist aber auch nicht ungerecht. Das wäre er nur, wenn er willentlich der Gerechtigkeit zuwiderliefe. Doch der Markt hat keinen Willen. Er funktioniert nach anderen Gesetzen.

Ein Beispiel: Eine hart arbeitende, alleinerziehende Kindergärtnerin findet es nachvollziehbar ungerecht, dass sie für ihre Arbeit ein Gehalt bezieht, mit dem sie sich und ihre Familie so recht und schlecht über die Runden bringt, während der Vater eines der ihr anvertrauten Kinder als gefeierter Quizmoderator im Fernsehen mehr als das Dutzendfache dafür verdient, dass er einmal im Monat für ihn vorgefertigte Fragen mit verschmitztem Lächeln vor der Kamera vorlesen darf. Dieses Ungerechtigkeitsempfinden rührt daher, dass sie den Wert der beiden Tätigkeiten vergleicht und zur Ansicht gelangt: Ihre Arbeit ist schwerer und zugleich nützlicher als jene des Moderators, wird jedoch mit viel weniger Bezahlung honoriert.

Wie wirkt man hier entgegen? Christian Felber, umtriebiger Attac-Aktivist und Erfinder einer kruden "Gemeinwohl-Ökonomie“, will im Namen der Gerechtigkeit brutal so vorgehen, dass der Markt zerschlagen wird: "Die Motiv- und Zielkoordinaten des (privaten) unternehmerischen Strebens“ sollen Felber zufolge "umgepolt“ werden - "von Gewinnstreben und Konkurrenz auf Gemeinwohlstreben und Kooperation“. Da gibt es keine arg verschiedenen Gehälter mehr, sondern nur mehr gleiches Glück. In natura kann man Felbers Paradies im Reich des unsterblichen Kim Il-sung bewundern: die Hölle auf Erden.

Wie weit also darf der Staat in den Markt eingreifen, um einerseits die Dynamik der Wirtschaft wahren und andererseits für Angemessenheit in der Verteilung von Gütern und Löhnen sorgen zu können?

Walter Eucken, deutscher Ökonom und Philosoph, gibt hierauf die einzig gültige Antwort: "Ob wenig oder mehr Staatstätigkeit - diese Frage geht am Wesentlichen vorbei. Es handelt sich nicht um ein quantitatives, sondern um ein qualitatives Problem. Der Staat soll weder den Wirtschaftsprozess zu steuern versuchen noch die Wirtschaft sich selbst überlassen: Staatliche Planung der Formen - ja; staatliche Planung und Lenkung des Wirtschaftsprozesses - nein. Den Unterschied von Form und Prozess erkennen und danach handeln, das ist wesentlich. Nur so kann das Ziel erreicht werden, dass nicht eine kleine Minderheit, sondern alle Bürger über den Preismechanismus die Wirtschaft lenken können.

Die einzige Wirtschaftsordnung, in der dies möglich ist, ist die des, vollständigen Wettbewerbs‘. Sie ist nur realisierbar, wenn allen Marktteilnehmern die Möglichkeit genommen wird, die Spielregeln des Marktes zu verändern. Der Staat muss deshalb durch einen entsprechenden Rechtsrahmen die Marktform - das heißt die Spielregeln, in denen gewirtschaftet wird - vorgeben.“

Dürfen diese Spielregeln exorbitante Gehälter zulassen? Solange die von Walter Eucken konzipierte soziale Marktwirtschaft so funktioniert, dass niemand darben muss und jedem am Markt Teilnehmenden die Chance für eine bessere Zukunft offensteht, sollte man die mit dem Wort "Gerechtigkeit“ verbrämte Missgunst zügeln. Sonst droht Gerechtigkeit zum Kampfbegriff zu verkommen.

Als Trost sei jenen, die von Millionen nur träumen, mitgegeben: Auch Manager plagt der Neid. Während wir, so klagen sie, für Betrieb und Staat arbeiten, hält es die Gesellschaft für wertvoller, gegen einen Ball zu treten, im Auto zu kreisen oder ein Liedchen zu trällern. Denn die Messis, Vettels und Madonnas verdienen noch mehr als wir, die Manager.

Doch bei genauer Betrachtung ist auch hier Neid nicht angebracht: Spitzensportlern und Sängern steht keine Abfertigung zu, und ihren "Beruf“ üben sie selten bis zum Pensionsantritt aus. Daher müssen sie binnen weniger Jahre das verdienen, wofür die Manager ein ganzes Arbeitsleben lang Zeit haben.

Gerechtigkeit siegt eben nur im Film.

- Rudolf Taschner
Mathematiker und Bestsellerautor


Auf dieses Kommentar gibt es eine Replik von Christian Felber

 
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