Meinung

22.03.201210:31 Uhr

A. Weber in 'formatiert': 2 Präsidenten, ein Vergleich. Joachim Gauck vs. Heinz Fischer?

Charismatiker Joachim Gauck oder Staatsnotar Heinz Fischer: Was ist besser für ein Land?

Mehr als die üblichen Floskeln sind es noch nicht. Heinz Fischer gratulierte dem gerade gewählten Joachim Gauck vergangenen Sonntag so: „Deutschland und Österreich verbindet eine außerordentlich enge, von gegenseitiger Sympathie und Vertrauen getragene Freundschaft. Zur weiteren Festigung der ausgezeichneten Beziehungen sehe ich persönlichen Kontakten mit Ihnen mit Freude entgegen.“

Freundlich, routiniert, nicht mehr. Böse Zungen könnten jetzt sagen: ein echter Heinz Fischer eben. Das österreichische und das neue deutsche Staatsoberhaupt kennen sich bloß flüchtig, den längsten Kontakt gab es bei den Salzburger Festspielen vergangenen Sommer, als Gauck die Eröffnungsrede hielt.

Man blickt dieser Tage ein wenig neidisch nach Deutschland. Mit dem 72-jährigen Gauck betritt im zweiten Versuch ein Mann die große politische Bühne, der wie ein Erlöser gefeiert wird. „Der Leviten-Leser – wie Joachim Gauck das Land verändern will“ titelt der „Spiegel“. Die Erwartungen an Gauck sind fast obamaesk, also kaum zu erfüllen.

Bis zur Wende 1989 Pfarrer in Rostock, beim Fall der Berliner Mauer an vorderster Front der Bürgerbewegung, in den 90er-Jahren Chef der „Gauck-Behörde“, die die Stasi-Vergangenheit des DDR-Regimes schonungslos aufarbeitet. Danach geachteter Publizist, unorthodoxer Mahner.

Der nicht uneitle Gauck bezeichnet sich als „linken, liberalen Konservativen“. Sein großes Thema ist die „Freiheit“. Nach einem halben Leben im kommunistischen Spitzelstaat ist für ihn Freiheit „so etwas wie der genetische Code der Demokratie“ („FAZ“), die sich die Bürger durch aktive Beteiligung ständig neu erarbeiten müssen.

Gauck ist glühender Anhänger der Marktwirtschaft und der USA. Über den deutschen Sozialstaat, ähnlich gut gepolstert wie der österreichische, sagt er schon mal: „Wir stellen uns nicht gerne die Frage, ob Solidarität und Fürsorglichkeit nicht auch dazu beitragen, uns erschlaffen zu lassen.“

Thilo Sarrazin und seinen Thesen „Deutschland schafft sich ab“ attestierte er abseits des biologistischen Quatschs „Mut“: „Er hat über ein Problem, das in der Gesellschaft besteht, offener gesprochen als die Politik.“ Die Anti-Kapitalismus-Bewegung „Occupy Wall Street“ verspottet er als „unsäglich albern“, auch wenn er seine Kritik später abschwächt.

Der Protestant, ursprünglich von SPD und Grünen nominiert, nach dem Wulff-Desaster auch von Liberalen und einer zögerlichen CDU-Chefin Angela Merkel auf den Schild gehoben, wird mit seiner Denke quer zum Mainstream nicht nur einmal die Mentoren verstören. Schon jetzt wird der frühere Pastor da und dort als deutscher Václav Havel gefeiert. Endlich einer an der Staatsspitze, der kraft seiner moralischen Autorität in der Lage ist, Debatten anzustoßen, zu denen die Parteien intellektuell auch in Deutschland nicht mehr in der Lage sind. Der Frust über den Politbetrieb ist beim großen Bruder zwar nicht ganz so arg wie hier, aber doch erheblich.

Die schärfste Waffe des nicht vom Volk, sondern von der Bundesversammlung gewählten deutschen Präsidenten ist die Rede. Verfassungsmäßig ist er weit schwächer gestellt als der hiesige, es fehlt ihm das Recht, in die Regierungsbildung einzugreifen. Aber reden, reden kann Gauck wie kein Zweiter.

Deutschland hat also jetzt Joachim Gauck, Österreich Heinz Fischer

Das ist gar nicht böse gemeint. Auch wenn man einwenden könnte, eine Figur wie den charismatischen Bürgerrechtler könnte das Land im Abendlicht des rotschwarzen Proporzes gut gebrauchen.

Und wie blass sich Fischers Vita gegenüber jener Gaucks ausnimmt. Hineingeboren in den sozialdemokratischen Hochadel, arbeitet sich der heute 73-Jährige vom Sekretär des SP-Parlamentsklubs bis zur Staatsspitze hoch. Keine Brüche, keine Abstürze. Keine Rede, die Fischer seit 2004 als Staatsoberhaupt gehalten hat, ist in Erinnerung geblieben.

Dafür hat er wenig Fehler gemacht. Hat sich in Maßen gegen die Regierung aufgelehnt (Einführung Berufsheer verhindert, Sparpaket verzögert). Und durch die Weigerung, FPÖ-Chef H.-C. Strache einen Orden zu verleihen, indirekt zum Ausdruck gebracht, dass er diesen für nicht regierungsfähig hält. Nach dem irrlichternden Thomas Klestil, der eine Art Überkanzler sein wollte, hat Fischer das Hofburg-Amt wieder in Balance gebracht. Das ist nicht berauschend, aber auch nicht wenig.

Und es wird sich bald herausstellen, dass der untadelige Staatsnotar Fischer der richtige Präsident zur richtigen Zeit ist: Wenn am Tag nach der nächsten Nationalratswahl 2013 im nicht so unwahrscheinlichen Worst-Case-Szenario das Parteiensystem in Trümmern liegt. Mit einer extrem rechten Partei als Nummer eins; einer zerstörten bürgerlichen Partei namens ÖVP; einem unregierbaren Land ohne klare Mehrheiten und Koalitionsoptionen – dann schlägt seine Stunde.

Allein am gewieften Machttaktiker Fischer wird es liegen, eine Staatskrise, vielleicht sogar mit einem Expertenkabinett à la Italien, zu verhindern. Und da wird es zu verschmerzen sein, dass er kein „Leviten-Leser“ wie Gauck ist.

- Andreas Weber

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