Kultur & Style

02.03.201212:27 Uhr

Süchtig nach Sex

  • "Shame": Michael Fassbender verzweifelt am Sex.
  • "Franzobel: Was Männer so treiben wenn die Frauen im Badezimmer sind".

Sexsucht! Modediagnose? Persilschein für den Seitensprung? Oder Symptom einer hypererotisierten Gesellschaft? Steve McQueens neuer Film „Shame“ beschäftigt sich ebenso mit einer außer Kontrolle geratenen Libido wie der aktuelle Roman von Franzobel und die erotomanen Bekenntnisse von Swantje Marx. Expertin Gerti Senger erklärt, wie es tatsächlich um den Emotionshaushalt steht.

Brandon ist beruflich erfolgreich, sieht gut aus und lebt in New York. Allerdings hat der Mittdreißiger ein Problem. Er ist süchtig nach Sex. Ständig auf der Jagd nach einem Orgasmus. Er lässt sich regelmäßig Prostituierte ins schicke Manhattaner Apartment kommen. Masturbiert ausgiebig unter der morgendlichen Dusche, später noch mal kurz im Büro. Nach der Arbeit geht’s dann in die Bar, um zwanglos eine Dame für eine schnelle Nummer an der Straßenecke klarzumachen. Zuhause warten dann noch Laptop und eine umfangreiche Pornosammlung, um durch Druckablassen die innere Leere für ein paar Minuten zu vertreiben.

Eine triste, freudlose Existenz in einem sterilen Hochglanzalltag. Gefühle, ein Zulassen von Nähe? Das gibt es nur peripher, als Ahnung. Vielmehr bestimmen Scham und eine dunkle Idee von gleißendem Nichts den Emotionshaushalt.

Brandon ist zwar „nur“ ein fiktiver Charakter der britischen Filmproduktion „Shame“, die unter der Regie von Steve McQueen entstanden ist. Das Problem ist aber durchaus in der Gesellschaft angekommen. Ein kurzer Blick in die Regenbogenpresse reicht aus, um zum Schluss zu kommen: Unter Prominenten scheint das Geständnis, sich eine veritable Sexsucht aufgerissen zu haben, momentan zum guten Ton zu gehören. Tiger Woods, David Duchovny oder Charlie Sheen – alles psychisch und physisch gebeutelte Kämpfer am Venushügel. Laut (vorsichtigen) Schätzungen leiden weltweit zwischen zwei und sechs Prozent der Menschen unter „Hypersexualität“. 80 Prozent davon sind Männer.



Suchtverhalten

Aber nicht alles, was als Sexsucht bezeichnet wird, ist tatsächlich diese krankhafte psychische Impulskontrollstörung. Die Psychologin und Paartherapeutin Gerti Senger dazu: „Vieles wird gern als Sexsucht ausgewiesen, um so menschliches und moralisches Fehlverhalten schönzureden. Eine Sucht ist ja auch immer Krankheit, und Krankheit kann man einfacher verzeihen. Außerdem hat Sexsucht natürlich auch einen gewissen Glamourfaktor, da sie fälschlicherweise mit Kraft und Potenz verbunden wird.“ Die, die es dann wirklich erwischt, haben dafür das volle Suchtprogramm laufen. Verlust der Kontrolle, Steigerung der Dosis, Schamgefühl, Zerbrechen und letztlich auch Scheitern.

In den letzten Jahren hat sich der 34-jährige Michael Fassbender durch sein Mitwirken in Produktionen wie „Eine dunkle Begierde“ von David Cronenberg oder Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ in die Hollywood-A-Liga katapultiert. Für seine Rolle als Orgasmuswüterich erhielt er im Vorjahr auch den Darstellerpreis bei den Filmfestspielen in Venedig. Völlig zu Recht, denn schauspielerisch ging Fassbender – das merkt man in jeder Sekunde des Films – permanent an seine Grenzen respektive an jene des von ihm gespielten Charakters. Kommt man diesen Grenzen zu nahe, wird es erst richtig kompliziert. Unerheblich, ob es sich dabei um eine attraktive und nette Arbeitskollegin – mit der dann, trotz Kokain auf der Schleimhaut, die geschlechtliche Vereinigung nicht möglich ist – handelt oder die eigene Schwester (Carey Mulligan) in den Alltag des New Yorkers reinschneit.

Letztere ist im Gegensatz zu Brandon mit einer Überdosis an Emotionen und Empathie ausgestattet, schleppt dieses Gefühlsbündel aber als erfolglose, suizidgefährdete Musikerin durchs Leben. Interessant wäre zu wissen, was das ungleiche Geschwisterpaar zu dem machte, was es ist. Allein, das bleibt unbeantwortet.

Deutlicher wird Gerti Senger, wenn es um die Entstehung von Sexsucht geht: „Missbrauch in der Kindheit kann eine Rolle spielen. Ebenso wie hoher Erwartungsdruck von außen oder an sich selbst. Sehr früher Kontakt mit pornografischen Medien kann ebenfalls ein Auslöser sein.“ Zudem hat Internetpornografie – so Senger – absolut damit zu tun, dass immer häufiger die Diagnose „Sexsucht“ gestellt wird. „Die Fälle in meiner Praxis haben sich in den letzten Jahren stark gehäuft“, so die Therapeutin, die auch einen Gegentrend erkennt: „Jugendliche, also die Digital Natives, können mittlerweile sehr wohl zwischen Pornografie und Liebe unterscheiden.“ Es wächst also doch keine Generation an Gefühlskalten heran.

Lustlaute sind los

Wie das Innenleben eines solchen „Erkalteten“ aussehen könnte, beschreiben auch zwei aktuelle Romane. Zum einen die erotomanen Bekenntnisse einer sexhungrigen Philosophiestudentin, die unter dem Pseudonym Swantje Marx expliziten, aber literarisch durchdachten Stoff liefert. Zum anderen beschäftigt sich auch der österreichische Autor Franzobel in seinem Roman „Was die Männer so treiben, wenn die Frauen im Badezimmer sind“ mit einem Libido-Gestörten.

Hildebrand Kilgus geht nichts nahe. Er hat Angst vor körperlichen Berührungen, ist Anfang 40 und eigentlich ein komischer Kauz. Er trägt Plastikhandschuhe und hat ständig eine Gurkenzange dabei, mit der er unangenehme Dinge angreift. Dumm nur: Er hat sein Leben, das auf satten 500 Seiten erzählt wird, dem Stöhnen verschrieben. Darin hofft er tiefen Gefühlen und Regungen auf die Spur zu kommen. Hildy, wie der Held beinahe zärtlich genannt wird, schlittert auf seiner Suche nach dem Stöhnen von einer skurrilen Begebenheit in die andere. Er arbeitet als Hebamme, Sterbebegleiter, Totengräber und schließlich bei einer Wettermanipulations-AG. Immer bewaffnet mit einem Aufnahmegerät, um alles Stöhnen dieser Erde aufzuzeichnen.

Dass Sex dabei besonders wichtig ist, liegt auf der Hand. Denn bei exzessiven, echten Lustlauten entladen sich Leben und Tod. Dabei geht es tief hinein in eine katholisch geprägte Kindheit in einem oberösterreichischen Landgasthof. Aber auch in die Welt hinaus – etwa nach Rom. Dort beginnt Hildy plötzlich die Sprache der Vögel zu verstehen. Ein Roman mit Vögelsprache, in dem sich vordergründig vieles ums Vögeln dreht – um einen Kalauer, der es auch in den Klappentext geschafft hat, zu zitieren.

„Es ist ein Empfindungsroman über die Empfindungslosigkeit“, erklärt Franzobel sein neues Buch. Dass er die Idee dafür bereits vor 15 Jahren gehabt hat und sie die ganze Zeit über in sich gären ließ, merkt man der schrägen Lebensgeschichte an. Ausgeklügelt und mit viel Sprachwitz fügt Franzobel die Lebensepisoden aus der Schräglage zusammen und suhlt sich mit saubartlerischer Freude lang und breit in so manchem Tabu. Nebenbei werden dabei einige gesellschaftliche Löcher offen gelegt, andere gestopft.

– Manfred Gram

 


pixel