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29.02.201215:03 Uhr

Wofür die Banken das viele Geld der EZB brauchen

Zum zweiten Mal binnen kurzer Zeit haben sich die Banken bei der EZB mit billigem Geld in Hülle und Fülle eingedeckt - und das jeweils zu einem Zins von aktuell einem Prozent. Wofür die Banken das Geld brauchen, was die EZB mit ihrer Großzügigkeit bezweckt und welche Risiken die Politik des billigen Geldes birgt.

Wofür brauchen die Banken so viel Geld?

Die Geschäfte laufen schlecht. Erst nagte die Finanzkrise an den Gewinnen, dann die Schuldenkrise. Allein durch den mit Griechenland ausgehandelten Schuldenschnitt muss die Branche auf 100 Milliarden Euro verzichten. Hinzu kommen schärfere Regulierungen in vielen Ländern, vielfach auch höhere Steuern. Gleichzeitig müssen die Banken mehr Eigenkapital haben, um besser gegen neue Krisen gewappnet zu sein. Sie stehen außerdem vor einer gigantischen Refinanzierungswelle und müssen in diesem Jahr Hunderte Milliarden an Schulden zurückzahlen.

Die EZB fürchtet, dass die Geldhäuser deshalb weniger Darlehen an Unternehmen ausreichen und damit die Wirtschaftskrise verschärfen. Das dreijährige Darlehen soll ihnen Planungssicherheit bieten und eine Kreditklemme abwenden. Die hätte ohne die EZB-Aktion auch den Banken selbst gedroht, denn sie leihen sich untereinander kaum noch Geld - aus Sorge, es im Falle einer Pleite nicht mehr wiederzusehen.

Hilft die EZB-Aktion gegen die Schuldenkrise?

Ja. Seit der ersten Aktion kurz vor Weihnachten hat sich die Situation merklich entspannt. Das lässt sich beispielsweise am Deutschen Aktienindex Dax ablesen, der den stärksten Jahresauftakt seit 1998 feierte. Das zeigt: Die Anleger fassen wieder Vertrauen. Gleichzeitig sind die Zinsen für Staatsanleihen von Krisenstaaten merklich gesunken. Für zehnjährige spanische Bonds wurden im November noch 6,7 Prozent Zinsen verlangt, derzeit sind es nur noch fünf Prozent.

Warum zapften noch mehr Banken die EZB an als im Dezember, obwohl sich die Krise entspannt hat?

Weil es die letzte Chance war, sich über drei Jahre so billig mit Geld einzudecken. Die EZB hat von Anfang an klar gemacht, das dies das zweite und zugleich letzte Geschäft dieser Art war. Künftig können sich die Banken wieder für maximal ein Jahr mit Notenbankgeld eindecken. Der Ansturm erklärt sich auch daraus, dass die Banken gleichzeitig 216 Milliarden Euro zurückzahlen mussten. Dieses Geld hatten sie sich vorher von der EZB geliehen. Von der zugeteilten Summe von 530 Milliarden Euro bleiben damit netto "nur" knapp 314 Milliarden Euro übrig.

Kaufen die Banken mit dem EZB-Geld Staatsanleihen?

Ja. Das belegt eine Statistik der EZB. Spanische Banken steigerten ihren Bestand an Staatsanleihen der Euro-Länder im Januar um die Rekordsumme von 23,1 Milliarden Euro, italienische Banken um den Spitzenwert von 20,6 Milliarden Euro. Auch Banken aus Irland, Frankreich und Deutschland erhöhten ihre Bestände. Das ist nicht nur ein Akt des guten Willens, die Banken verdienen auch gutes Geld: Bei der EZB können sie sich für ein Prozent Zinsen leihen, bekommen aber etwa für fünfjährige spanische Anleihen eine Rendite von 3,6 Prozent.

Ist eine Kreditklemme dank der Geldflut vom Tisch?

Noch nicht. Im Dezember strichen die Banken der Euro-Zone die Kreditvergabe an die Unternehmen um den Rekordbetrag von 35 Milliarden Euro zusammen. Im Januar ging es noch einmal nach unten, aber nur noch um eine Milliarde Euro. Die Banken sind vorsichtig und horten viel Geld, weil sie bei einer Eskalation der Schuldenkrise - etwa durch eine Staatspleite von Griechenland - Milliarden verlieren würden.

Kommen auch deutsche Unternehmen schlechter an Geld?

Im Gegenteil: Darlehen sind für sie so leicht zu haben wie noch nie. Einer Unternehmensumfrage des Münchner Ifo-Instituts zufolge klagten im Februar nur noch 21,1 Prozent der Firmen über eine restriktive Kreditvergabe der Banken. Im Januar waren es noch 22,8 Prozent. "Damit ist die Kredithürde auf den niedrigsten Wert seit Beginn der Erhebung im Jahr 2003 gefallen", sagte Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn. "Die Unternehmen in Deutschland haben derzeit einen außerordentlich guten Zugang zu Bank-Krediten." In der Rezession 2009 hatten zeitweise 45 Prozent der Firmen einen Engpass beklagt.

Birgt die Geldflut Risiken und Nebenwirkungen?

Ja. Allein durch die beiden Dreijahreskredite wurden zusammen mehr als eine Billion Euro zu unschlagbar günstigen Zinsen von aktuell einem Prozent ausgereicht. "Noch bleibt die zusätzliche Liquidität erst einmal im Finanzsektor", sagt Postbank-Chefvolkswirt Mario Bargel. "Doch wenn die Kreditvergabe an die Unternehmen erst einmal steigt, kann das sehr schnell in Inflation münden." Auch den Leitzins von einem Prozent halten Experten für die starke deutsche Wirtschaft für viel zu niedrig, weil er kreditfinanzierten Konsum und Investitionen befeuert. Auch das kann die Inflation anheizen. "Mittelfristig besteht insbesondere für Deutschland ein beträchtliches Risiko eines stärkeren Preisauftriebs", sagte Commerzbank-Experte Ralph Solveen

- Reuters

 
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