Biz Talk

02.06.201219:40 Uhr
Krebs als Erbgut

Krebs als Erbgut

  • Der indisch-amerikanische Mediziner und Pulitzer-Preisträger Siddhartha Mukherjee über sein Buch "Der König aller Krankheiten“, Krebs als Metapher und die unglückselige Tatsache, dass Krebs normale Körperprozesse imitiert.

Wird es uns eines Tages gelingen, Krebs - die Geißel der Menschheit - nicht nur zu verstehen, sondern auch zu besiegen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Siddhartha Mukherjees Buch, das nicht nur eine elegante, hoch spannende Erzählung ist, sondern auch das faktenpralle Porträt einer Familie von Krankheiten, die uns seit Jahrtausenden begleitet. Im Interview erklärt Mukherjee, 42, warum viele seiner Betrachtungen zum Thema Krebs weit über das reine Krankheitsbild und seine Behandlung hinausgehen.

FORMAT: Werden wir den Krebs irgendwann endgültig besiegt haben?

Siddhartha Mukherjee: Einige Krebsarten werden wir heilen, andere kontrollieren, wieder andere verhindern lernen, und bei einigen werden wir lernen, sie in chronische Krankheiten zu verwandeln. Es wird jedenfalls nicht die eine magische Lösung für alle geben. Der Grund dafür ist, dass alle Krebsarten ständig normale Prozesse im Körper imitieren und pervertieren. Es besteht eine ungeheure Nähe zu normalen Körperprozessen. Krebs ist unglücklicherweise ein Teil unseres genetischen Erbes. Verstehen Sie mich richtig: Ich möchte absolut nicht nihilistisch sein, denn wir können dieses Erbe modifizieren, aber trotzdem ist es so, dass die Gene, die unser normales Zellwachstum bewirken, auch das Wachstum von Krebszellen bewirken.

Vor 30 Jahren war man sehr zuversichtlich, dass Krebs bald besiegt sein würde. Woher kam denn dann diese damalige Euphorie?

Es war die Zeit, als die genetische Nähe von Krebszellen zu normalen Zellen noch nicht bekannt war. Auch wusste man nicht, dass Krebszellen mutieren und resistent werden können. Das grundlegende Verständnis dafür, was eine Krebszelle genau ist, fehlte. Dazu kam, dass damals zwei Krebsarten - nämlich akute lymphatische Leukämie und Hodgkin-Lymphom - durch die Verwendung von Chemotherapie heilbar wurden, und zwar ohne dass man verstand, warum. Damals dachte man: "Vielleicht müssen wir gar nicht wissen, warum. Vielleicht genügt es zu wissen, was funktioniert.“ Der Gedanke war natürlich sehr verführerisch. Damals herrschte so ein Optimismus, dass Mary Lasker, eine der berühmtesten US-Anti-Krebs-Aktivistinnen, auf die Frage, wann sie damit rechne, dass der Kampf gegen Krebs endgültig gewonnen sein werde, antwortete: "In drei bis fünf Jahren.“

Das hat sich verändert. Inzwischen setzt die Forschung im Kampf gegen Krebs auf die Genetik.

Ja, aber Genetik ist nur ein Werkzeug, um mehr zu verstehen. Wir wissen endlich, dass Krebs eine genetische Krankheit ist. Aber was tun diese Gene genau? Wie verwandeln sie eine normale Zelle in eine Krebszelle? Wir beginnen langsam damit, diesen Mysterien auf den Grund zu gehen. Und schon jetzt zeichnen sich neue Behandlungsarten ab.

Nochmals gefragt: Wird der Kampf gegen den Krebs irgendwann endgültig gewonnen sein?

Es wäre eine Illusion, wenn man das heute so formulieren würde.

Warum hören gerade Krebspatienten immer wieder, dass eine positive Einstellung ihnen helfen würde, den Krebs zu besiegen, und eine negative Einstellung alles schlimmer macht?

Es kommt von der Verzweiflung, vielleicht auch von der Scham, die seit ewigen Zeiten mit der Vorstellung verbunden ist, Krebs zu bekommen. Natürlich hilft eine positive Einstellung dabei, besser mit Bestrahlungen oder Chemotherapie umzugehen. Aber die Vorstellung, dass Krebs von der psychischen Haltung verursacht wird, ist scheußlich, weil sie dem Opfer die Schuld zuschiebt.

Warum heißt die Krankheit Krebs gerade Krebs?

Das geht auf Hippokrates zurück, obwohl der wahrscheinlich nicht eine einzige Person war, sondern für die gesammelte medizinische Weisheit vieler Menschen steht. Richtiger sollte man sagen: Die alten Griechen verwendeten das Wort Krebs, weil sie sich den Tumor wie eine Krabbe unter der Haut vorstellten. Die vom Tumor wegführenden Blutgefäße erinnerten sie an die ausgestreckten Beine eines Krebses. Es ist eine eigenwillige, aber auch eine sehr lebendige Metapher. Man kriegt sie nicht mehr aus dem Kopf.

Sie sagen, Metaphorik spiele gerade in Zusammenhang mit Krebs eine wichtige Rolle. Inwiefern?

Wenn man Patienten nach ihrer Erfahrung mit ihrer Krebserkrankung fragt, sind die Antworten fast immer metaphorisch. Sogar der so geläufige Ausdruck vom "Kampf gegen den Krebs“ ist nichts anderes als eine Metapher. Diese Sprachbilder spielen eine sehr komplizierte Rolle für unser Verständnis von Krankheit und für unseren Umgang damit. Wenn man zum Beispiel im Bild der Kampf- oder Kriegs-Metapher bleibt, dann werden Patienten zu Soldaten und Ärzte zu Generälen. Das kann eine ganze Reihe von Problemen mit sich bringen, denn wenn man im Kampf gegen den Krebs unterliegt, wird man zum Verlierer.

Warum brauchen wir solche Bilder?

Sie sind Ausdruck unseres verzweifelten Drangs, Krankheit verstehen zu wollen. Sie helfen im Umgang mit Fragen wie: Warum ich? Warum jetzt? Angesichts dieser Herausforderungen, die zu den größten der Menschheit gehören, wird sogar unsere Sprache zerbrechlich. Deshalb retten wir uns in Metaphorik.

Krebs wird dabei fast zu einem Wesen mit den Zügen einer realen Persönlichkeit.

Das hängt damit zusammen, dass wir diese Krankheit immer noch nicht verstehen.

Weil es sich eigentlich nicht um eine, sondern um viele Krankheiten handelt?

Krebs ist eine Familie von Krankheiten, aber es gibt wesentliche Gemeinsamkeiten, die alle Mitglieder dieser Familie miteinander verbinden. Das ist wichtig, weil es eine vollkommen andere Art bewirkt, über Krebs nachzudenken. Eine der Patientinnen, die ich in meinem Buch beschreibe, leidet unter einem gastrointestinalen Stromatumor. Sie bekommt dasselbe Medikament, das auch bei Leukämie verwendet wird. Diese zwei Krebsarten haben nichts Gemeinsames, möchte man meinen. Das eine ist ein flüssiger Tumor, der durchs Blut schwimmt. Das andere ist ein solider Tumor, der im Unterleib sitzt. Und trotzdem sind die molekularen Mechanismen, deren sich diese beiden Krebsarten bedienen, sehr ähnlich - deshalb kann man sie auch mit demselben Medikament behandeln.

Was folgt daraus?

Wenn wir den Unterschied zwischen den verschiedenen Krebsarten zu sehr betonen, vergessen wir, dass es zwischen ihnen tiefere Verbindungen gibt. Andererseits ist es sehr unwahrscheinlich, dass wir eines Tages ein Allheilmittel für alle finden werden. Mir ging es vor allem darum, zu erklären, was die Unterschiede sind, was die Gemeinsamkeiten. Was Letzteres anlangt, würde ich sogar argumentieren, dass es auch politische oder psychologische Gemeinsamkeiten gibt, die Art, wie wir uns dem Krebs gegenüber verhalten. Insgesamt müssen wir mit dem Thema intelligent umgehen.

Hat Ihre intensive Beschäftigung mit Krebs - als Onkologe und als Buchautor - Ihre eigene Angst vor Krebs verändert?

Ja, aber das Buch hat mir auch deutlicher gemacht, worum es sich bei Krebs genau handelt. Für mich ist es die beste Art, mit meiner Angst umzugehen, wenn ich das, wovor ich Angst habe, besser verstehe.

Halten Sie es für eine gute Idee, Menschen, die die Diagnose Krebs erhalten haben, Ihr Buch zu schenken?

Ich bekomme zwar jeden Tag Briefe von Krebspatienten, die mein Buch gelesen und das Gefühl haben, dass sich ihr Leben dadurch verändert hat, aber ich bin mir sicher, dass es genug andere gibt, für die es nicht passend ist und die es nicht lesen wollen.

Welchen Vorurteilen in Zusammenhang mit Krebs begegnen Sie am häufigsten?

Da gibt es so viele. Eins ist das schon erwähnte Vorurteil, dass man nicht von Krebs geheilt werden kann, wenn man eine negative Einstellung hat. Oder auch, dass Depression Krebs verursacht. Immer wieder taucht auch die Idee auf, dass wir deshalb noch keine endgültige Heilung für Krebs gefunden haben, weil es eine gewaltige Konspiration gibt, die das verhindert.

Das ist hierzulande nicht weit verbreitet …

… aber sehr populär in den USA!

Wo muss Krebs-Aufklärung ansetzen?

Ich würde sagen im Gymnasium. Dort muss man erklären, warum Krebs auftaucht, was die Natur der Krankheit ist, wie Krebs-Prävention und Behandlung aussehen. Wir müssen der kommenden Generation beibringen, sich wirklich mit diesem Problem auseinanderzusetzen, Ärzte zu werden oder Epidemiologen. An diesem Problem ist so viel Fleisch, dass ganze Generationen von jungen Köpfen ein reiches Betätigungsfeld finden können.

Julia Kospach

 
pixel