Telekom - Affäre

19.06.201210:58 Uhr
Telekom-Affäre: "Vorstand besticht"

Telekom-Affäre: "Vorstand besticht"

  • So ließ der Vorstand 2004 den Aktienkurs manipulieren. Ermittlungsergebnis belastet ehemaliges Topmanagement

Der Abschlussbericht in der Telekom-Kursmanipulations-Affäre liegt FORMAT exklusiv vor. Die Ermittlungen erhärten den ­Betrugsverdacht. Die erste Teilanklage soll noch 2012 kommen.

Das dicke Paket landete am Freitag, den 13. Jänner 2012 in der Landesgerichtsstraße. Die brisante Post für Staatsanwalt Hannes Wandl ­lieferte ein Bote des Bundesamts für Korruptionsbekämpfung (BAK). In dem als „Verschlussakt“ bezeichneten Karton bunkerte der erste abschließende Polizeibericht in der Telekom-Affäre. Konkret schreibt BAK-Agent 243: „Bezugnehmend auf (…) Causa Euro Invest Bank AG – Telekom Austria AG wird vom BAK der oben angeführte Bericht in Form eines vorläufi­­gen Abschlussberichtes vorgelegt.“

Das brisante Dokument liegt nun auch FORMAT exklusiv vor. Darin beschreiben die Korruptionsexperten auf insgesamt
83 Seiten (plus 1.100 Seiten Beilagen), wie der Telekom-Austria-Vorstand im Jahr 2004 die Aktienkurse des eigenen Unternehmens manipulieren ließ, um fette Boni­fikationen zu kassieren. Damit wird eine Affäre, die dieses Magazin im Herbst 2010 aufdeckte (FORMAT 38/10), polizeilich abgeschlossen.

„Seitens des BAK scheinen die Erhebungen und Ermittlungsansätze in jener Causa zwischen Euro Invest Bank und der Telekom Austria ausgeschöpft und aus­ermittelt. Daher sind keine weiteren Vernehmungen und Hausdurchsuchungen geplant. Sollte die Staatsanwaltschaft neuerliche Erhebungsschritte andenken, werden diese natürlich umgehend ausgeführt.“ Eine Teilanklage im Euro-Invest-Komplex im heurigen Jahr dürfte damit so gut wie sicher sein und beschuldigte Spitzenmana­ger ordentlich zittern lassen.

„Gesamte Vorstandsriege verdächtig.“ 

Das Ermittlungsergebnis belastet vor allem das ehemalige Topmanagement und einen Broker schwer. Zur „Darstellung der Tat“ heißt es im Polizeipapier: „Mag. Rudolf Fischer, Dr. Stefano Colombo, Heinz Sundt und DI Dr. Boris Nemsic als gesamte damalige Vorstandsriege der Telekom Austria (…) sind verdächtig“, eine Manipulation des Telekom-Kurses bei der Euro Invest Bank von Johann Wanovits beauftragt zu haben. Für alle genannten Personen gilt die Unschuldsvermutung.

„Fischer ist gemeinsam mit den zuvor erwähnten Entscheidungsträgern der Tele­kom Austria dringend verdächtig“, im Frühjahr 2004 die als Vorstand „durch Rechtsgeschäft eingeräumte Befugnis, über fremdes Vermögen zu verfügen, ­wissentlich missbraucht“ zu haben, heißt es im Polizeibericht. Konkret soll „die Auszahlung einer Bonuszahlung für rund hundert leitende Angestellte der Telekom Austria im Rahmen eines Stock-Option-Programms in der Gesamthöhe von 9,2 Millionen Euro“ betrügerisch erfolgt sein.

Den vier Vorständen wird zum Vorwurf gemacht, „dass der für das Schlagend­werden des Programms erforderliche Kurs der Aktie von 11,73 Euro aufgrund einer durch die Euro Invest Bank hergestellten künstlichen Nachfrage am Aktienmarkt erreicht wurde“. Die Telekom erlitt so ­einen Schaden von rund zehn Millionen Euro, was strafrechtlich relevant sei.
„Die Einsicht in den beigeschafften Akt der Finanzmarktaufsicht verstärkt den Verdacht, dass die Euro Invest Bank den Ankauf für Dritte tätigte“ (Polizeibericht). Die FMA hatte die Manipulation bekanntlich geprüft – ohne Sanktionen. „Letztlich maßgebend sind die massiv belastenden Aussagen eines Mitbeschuldigten und von diesem bereits im Jahr 2005 angefertigten Notizen.“ Gemeint ist Gernot Schieszler. Der Ex-TA-Manager und Kronzeuge des Staatsanwalts schreibt in seinem Tagebuch mit dem knackigen Titel „Shitlist TA 2004–2005 = Life Insurance“ klipp und klar: „Vorstand besticht.“

„Nach derzeitigem Erhebungsstand, das heißt nach Auswertung der Aussagen aus den durchgeführten Beschuldigtenvernehmungen aller Beteiligten im Zeitraum April bis Dezember 2011 sowie der Auswertung des bei den Hausdurchsuchungen sichergestellten physischen und elektronischen Materials, gilt als gesichert, dass Wanovits von Verantwortlichen der Telekom selbst mündlich beauftragt wurde, eine Kurssteigerung herbeizuführen.“ Als Gegenleistung erhielt er eine „Risiko­­entschädigung von einer Million Euro“.

Das viele Geld erhielt er auf verschlunge­nem Weg. In der Telekom wurden Studien („Evaluierung von Marktchancen“) erfunden, die als Grundlage für fingierte Geldüber­weisungen dienten. Das Geld wurde auf ein Konto der Valora AG bei der Raiffeisen Centrobank transferiert. Das Prozedere war immer dasselbe: Lobbyist Peter Hochegger holte das Bargeld persönlich in der Raiffei­senfiliale ab. „An die Valora wurden je zwei Teilrechnungen über 750.000 Euro überwiesen“, sagt Kronzeuge Schieszler laut Einvernahmeprotokoll. „Bei den Übergaben erhielt ich jeweils glaublich 300.000 Euro bis 350.000 Euro.“ Statt der budgetierten einen Million für Wanovits musste die Tele­kom viel mehr blechen, weil jeder ­mitnaschen wollte. „Da Hochegger dies als Gewinn ausschütten musste, war Körperschafts- und Kapitalertragssteuer abzuziehen“, erinnert sich Schieszler. „Hochegger dividierte der Einfachheit halber durch zwei und zog sich selbst seine zehn Prozent Marge ab.“

Telekom-Manager Wolfgang ­Frauenholz war laut Polizeibericht besonders gierig. Für die firmeninterne Freigabe der Rechnungen hielt er die Hand auf. Schieszler: „Es war so, dass Frauenholz sagte, dass er die Geldübergabe weiter an Wanovits nur dann mache, wenn er 20.000 oder 30.000 Euro dafür bekomme.“ Mit Josef Trimmel verdiente sich ein weiterer Telekom-Manager eine goldene Nase. Trimmel wollte Geld, weil er den Kontakt zu Wanovits hergestellt hatte.

„Es handelte sich um fünf Geldpakete, insgesamt 250.000 Euro“, erinnert sich Trimmel laut Verhörprotokoll an die erste Geldübergabe: „Ein Teil des Geldes war verschweißt. Schieszler hat das Bargeld in seine Aktentasche gesteckt.“ Dann ging es zu Wanovits. „Die Übergabe fand im Auto von Gernot statt. Wir fuhren zur Linken Wien­zeile, und Wanovits stieg zu uns ins Auto ein. Er hat die fünf Geldpakete vor sich liegen gehabt und zu uns gesagt, wir sollen uns ein Packerl nehmen. Gernot sagte, dass er gerne ein offenes Paket hätte, und ich nahm mir ebenso ein offenes Paket. Es waren 50.000 Euro für jeden von uns.“ Dann ging man zur „Gräfin am Naschmarkt“, einen Happen essen. Es hat sicher gut geschmeckt.
Pikant ist auch die zweite Geldübergabe: Die fand bei einem Vortrag des Kriminalpsychologen Thomas Müller für Telekom-Führungskräfte statt. Wieder fünf Packerln à 50.000 Euro. Wieder Wanovits. Trimmel: „Diesmal waren alle verschweißt.“

Ashwien Sankholkar

 
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