Meinung

24.01.201211:08 Uhr

Stephan Klasmanns "querformat": Contenance, Contenance …

Nicht immer sind drei Buchstaben besser als zwei. Denken wir nur an XXXL und XL.

Wolfgang Schäuble hat Recht. Vielleicht liegt es am Alter, vielleicht aber auch daran, dass jemand, der durch ein Attentat in den Rollstuhl gezwungen wurde, echte Katastrophen von zum Drama aufgeblähten Bagatellen besser zu unterscheiden weiß. „Wir sollten uns nicht zu sehr verrückt machen lassen“, forderte der deutsche Finanzminister zu mehr Gelassenheit im Umgang mit Ratingagenturen auf.

Tatsächlich ist es etwas rätselhaft, dass ausgerechnet jenes US-Oligopol, bestehend aus Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch, das durch völlig falsche Beurteilungen von Immo-Schrottpapieren die Finanzkrise mit ausgelöst hat, nun zu gottgleichen Schiedsrichtern über Wohl und Wehe ganzer Nationen hochstilisiert wird.

Man muss gar nicht erst auf das Lehman-Desaster zurückgreifen, das keiner der hoch gefeierten Bonitätsbewerter erkannt hatte. Bestes Beispiel für die merkwürdigen Einschätzungen der drei Rate-Vereine ist die Einstufung von Großbritannien mit der Bestnote AAA und stabilem Ausblick. Das Vereinigte Königreich wird 2011 und 2012 ein Haushaltsdefizit in der Region von zehn Prozent verbuchen, die Staatsverschuldung explodiert, und die aktuell 2,7 Millionen Arbeitslosen sind historischer Rekord.

Gleichzeitig ist die Infrastruktur marode, die Wirtschaft völlig vom Finanzwasserkopf London bestimmt, und die britische Regierung hat es als einzige in der EU abgelehnt, den neuen Pakt zur Reduzierung der Staatsverschuldung zu unterzeichnen. Das soll besser sein als Österreich oder Frankreich? Solange Portugal mit BB auf Augenhöhe mit Paraguay und Bangladesch (beide BB-) eingestuft wird, erübrigt sich für jemanden, der diese drei Länder kennt, eigentlich jeder Kommentar.

Auch an anderer Front zeigt sich, dass Schäubles Aufruf zur Gelassenheit wohl zu Recht erfolgt: Seit der Herabstufung der USA sind die Dollarzinsen gefallen und nicht gestiegen. Trotz der Abwertung Spaniens und Italiens um zwei Stufen mussten die Iberer bei der letzten Emission kurzlaufender Anleihen statt vier nur noch zwei Prozent Zinsen zahlen, und auch die Renditen österreichischer Bundesanleihen sind am ersten Handelstag nach der Degradierung durch die ratenden Rater gefallen und nicht gestiegen. Der Wirbel war also groß, die Wirkung jedoch gering.

Lasst uns uns also in Gelassenheit üben. Wir wollen uns an dieser Stelle auch daran erinnern, dass drei Buchstaben ja nicht zwangsläufig besser sein müssen als einer oder zwei. Denken Sie nur an XXXL versus XL. Auch in der Bedeutung der alphabetischen Reihenfolge sollten wir uns der Vielfalt bewusst bleiben. Denn wer darf bei Dessous schon letztgültig entscheiden, ob A nun B, C oder gar D wirklich vorzuziehen ist?

Doch Ratings hin, Kleidergrößen her – worauf es wirklich ankommt, ist, dass wir unseren Staatshaushalt in Ordnung bringen. Seit 1970 gibt Österreich Jahr für Jahr mehr aus, als es einnimmt. Jeder, der einen Haushalt oder ein Unternehmen führt, weiß, dass das auf Dauer nicht gut geht. Wir müssen endlich lernen, mit dem auszukommen, was wir einnehmen. Und zwar nicht, weil S&P oder Moody’s das so wollen, sondern, weil wir sonst unseren Kindern und Enkeln die Zukunft verbauen.

- Stephan Klasmann

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