Karl-Heinz Grasser

20.06.201209:54 Uhr
Privatisierung Dorotheum: Korruptionsverdacht

Privatisierung Dorotheum: Korruptionsverdacht

  • Rechnungshof und Justiz prüfen nun den Verkauf. Grasser von Polizei 'in die Mangel genommen'.

Ein brisanter Polizeibericht rückt den Dorotheum-Verkauf in ein schiefes Licht. Geldtransporte von Wien nach Vaduz nähren den Verdacht, dass illegale Provisionen geflossen sein könnten.

In ihren Ermittlungen gegen Karl-Heinz Grasser kennt die Polizei kein Pardon. Selbst prominente Unternehmerfamilien sind nicht tabu, wie aus den Akten hervorgeht. „Ich wurde angesprochen von Christoph Dichand, der mir gesagt hat: ‚Kannst du dir vorstellen, jetzt hat man den Erwin Soravia einvernommen, weil wir euch bestochen haben sollen‘.“ Das gab Grasser bei seiner Einvernahme im Herbst 2010 zu Protokoll, als die Ermittler ihn zur Dorotheum-Privatisierung im Jahr 2001 befragten. Grasser war damals zuständiger Finanzminister, und das von Dichand und vom Immobilien-Entwickler Soravia angeführte „Onetwosold“-Konsortium machte bei der Privatisierung das Rennen.

Brisanter Polizeibericht

Von der Polizei wurde KHG in die Mangel genommen, weil die Transaktion unter Korruptionsverdacht steht. Das geht aus den FORMAT exklusiv vorliegenden Polizeiberichten vom 28. Juli 2011 zum „Faktenkreis Dorotheum“ hervor. Auffällig am Auktionshaus-Deal sind die zahlreichen Parallelen zur skandalumwitterten Buwog-Privatisierung des Jahres 2004: Ein hauchdünner Vorsprung verhalf zum Sieg; Walter Meischberger, Ernst Plech und Peter Hochegger mischten im Hintergrund mit; und dubiose Cash-Einzahlungen auf Liechtensteiner Konten vervollständigen das Bild. Die Ermittler sind gerade dabei, die vielen Puzzlesteine zusammenzufügen.

Dichand & Co weisen, was sie betrifft, Unregelmäßigkeiten entschieden von sich. Dennoch geht die Justiz einigen Verdachtsmomenten weiter nach. Es gibt Indizien, aber keine Beweise. Unbestritten ist aber aus Ermittlersicht, dass die Buwog-Provisionäre Plech und Meischberger eine Hauptrolle auch im Fall Dorotheum spielen. Zu Beginn des Verkaufsprozesses waren sie auf der Seite des Valora-Konsortiums. Zu dieser Bietergruppe gehörten die Raiffeisenlandesbank Oberösterreich, der Antiquitätenhändler Jürgen Hesz, der Lobbyist Peter Hochegger, der Ex-ÖIAG-Manager Peter Newole und Ernst Plech. Sie waren die Hauptgegner von Onetwosold.

Valora-Mitglied Newole berichtete der Polizei als Zeuge, wie Meischberger im Verkaufsfinale seine Dienste anbot und horrende Forderungen stellte: „Ich habe Meischberger geantwortet, dass ich mit ihm prinzipiell nichts zu tun haben möchte. Ich beendete die Diskussion damit, dass ich meinen Rückzug aus dem Valora-Geschäft angedroht habe, worauf Meischberger das Treffen verließ“ (Verhörprotokoll vom 26. Jänner 2011).

Meischberger behält die Nerven

Doch Meischberger steckte die Abfuhr locker weg – und wechselte einfach die Seite. „Meischberger hat bei mir damals wegen eines Beratermandats angefragt“, erinnert sich Erwin Soravia gegenüber FORMAT. „Wir hatten aber mit Roland Berger, Wolfgang Rosam und Merck & Finck schon drei Berater. Deshalb habe ich gesagt, wir würden seine Dienste nicht benötigen. Ich glaube, Hochegger hat parallel dazu bei Ohneberg angefragt.“ Martin Ohneberg war damals Onetwosold-Geschäftsführer und später Dorotheum-Chef. Er bestreitet ebenfalls, auch nur einen Cent an Meischberger, Plech oder Grasser gezahlt zu haben. Ohneberg: „Der Dorotheum-Kauf war tadellos.“

Außergewöhnlich war die Situation in jedem Fall. Warum blieb Plech bei Valora? Warum klopfte Valora-Mitglied Hochegger beim Mitbewerber Onetwosold an? Und was war Meischbergers potenzielle Leistung? Die Ermittler haben eine Vermutung: Es ging um Weitergabe exklusiver Informationen wie etwa des Kaufpreises, der nur Konsortialmitgliedern zugänglich war. „In der letzten Runde haben wir 950 Millionen Schilling angeboten“, sagt Valora-Mitglied Hesz. „Doch die andere Seite hat uns mit 955 Millionen besiegt.“ Newole laut Protokoll: „Meiner Auffassung nach ist das entweder ein Riesenzufall oder weist auf eine Preisabsprache hin.“

Der hauchdünne Abstand erinnert verblüffend an den Buwog-Verkauf. Kurze Rückblende: Im Jahr 2004 kamen rund 60.000 Bundeswohnungen unter den Hammer. Das siegreiche Immofinanz-Konsortium zahlte 961,3 Millionen Euro und überbot Konkurrent CA Immo um schlanke 1,3 Millionen Euro. Heute steht fest, dass Immofinanz-Boss Karl Petrikovics das CA-Immo-Offert von Hochegger und Meischberger gesteckt bekam. Petrikovics zahlte für den heißen Tipp 9,6 Millionen Euro Provision. Hochegger kassierte 1,9 Millionen Euro. Der Rest wurde auf drei Konten bei der Hypo Investmentbank Liechtenstein (HIB) verteilt.

Die Konten „Karina“ bzw. „Natalie“ gehören Plech bzw. Meischberger. Und zum dritten Konto heißt es in einer Stellungnahme der Korruptionsstaatsanwaltschaft vom Oktober 2011: „Aufgrund der bisherigen Ermittlungsergebnisse besteht der Verdacht, dass das Konto 400.815 bei der HIB Liechtenstein Karl-Heinz Grasser als ehemaligem Bundesminister für Finanzen zuzurechnen ist.“ Die Fülle an Indizien soll nahelegen: Meischberger und Plech, die das Konto zeitweise verwalteten, fungierten nur als Treuhänder für Grassers Buwog-Provisionsanteil. KHG, Meischberger und Plech haben diesen Verdacht stets zurückgewiesen.

Geldtransport Wien–Vaduz

Doch das HIB-Konto 400.815 kam bereits viele Jahre vor dem Buwog-Deal zum Einsatz, wie Kontenöffnungen in Liechtenstein ergeben haben. Mit großen Bargeldeinzahlungen ging es pikanterweise im November 2001 los. Das war kurz nachdem das Dorotheum verscherbelt worden war. Aus Ermittlersicht ist das ein seltsamer Zufall. Fakt ist: Zwischen 2001 und 2005 landeten insgesamt 236.477,56 Euro Cash am Konto. Das Geld wurde in fünf Tranchen von Wien nach Vaduz transportiert.

Es handle sich um „versteuertes Geld“, beteuerte Meischberger in seiner Einvernahme am 27. Juli 2011. Er habe das Geld vom Privatkonto bzw. Geschäftskonto seiner Zehnvierzig Gmbh in Wien bar abgehoben und einem Mittelsmann übergeben, der die Geldbündel im Auto nach Liechtenstein brachte. Kleiner Schönheitsfehler an Meischis Erzählung: Es fehlen die Beweise. Denn die entsprechenden Abhebungen in Wien gibt es nicht. Woher stammt also das viele Geld? Die Ermittler vermuten, dass es sich um Schwarzgeld handelt. Aufgrund der zeitlichen Nähe zum Dorotheum-Deal kann ein Zusammenhang nicht ausgeschlossen werden.

Keine gute Figur macht der Immobilienmakler Plech. Als er von der Polizei zu seiner Rolle bei der Privatisierung des Dorotheums befragt wird, plagen ihn große Erinnerungslücken. Plech laut Polizeiprotokoll vom 13. Dezember 2010: „Ich kann mich nicht daran erinnern, in irgendeiner Art und Weise mitgeboten zu haben oder am Kauf oder an der Bewertung der Liegenschaften beteiligt gewesen zu sein.“

Viele Zeugen aus dem Valora-Konsortium erinnern sich an das genaue Gegenteil. „Auf Anraten von Gernot Rumpold habe ich Plech ins Konsortium geholt“, sagt Jürgen Hesz. „Die Konsortialbesprechungen, bei denen ich dabei war, fanden alle im Büro von Plech statt. Meischberger dürfte im Innenverhältnis eine Vereinbarung mit Plech gehabt haben“, erinnert sich Peter Hochegger. Newole: „Plech wollte einen Teil meines (für den Erfolgsfall zugesicherten) Einprozentanteils am Dorotheum haben.“ Wie konnte Plech all das vergessen? Vielleicht, weil die dort gewonnenen Erkenntnisse für andere verwertet worden waren?

Ertragreiches Geschäft

Für die Mitglieder des siegreichen Onetwosold-Konsortiums – mit dabei waren auch die Finanzinvestoren UIAG und Global Equity Partners – war der Deal höchst lukrativ. Erwin Soravia betont gerne, dass das Dorotheum die Cashcow seiner Firmengruppe ist (siehe Soravia-Story). Der Kaufpreis lag bei rund 70 Millionen Euro. Mehr als zwei Drittel davon konnten innerhalb eines Jahres durch Immobilienverkäufe refinanziert werden. So zahlte allein die Immofinanz für acht Dorotheum-Häuser 42 Millionen Euro.

Auch „Krone“-Chefredakteur Christoph Dichand machte ein gutes Geschäft. Die Bertha Privatstiftung, die ihm und seiner Ehefrau Eva zugerechnet wird, hält rund 16 Prozent am Dorotheum, weitere rund 14 Prozent gehören seiner Schwester Johanna. Die Freude über die unternehmerische Fortune wird nun aber etwas getrübt. Gegenüber dem Staatsanwalt erinnert sich Grasser an das Gespräch mit Dichand so: „Ich habe gesagt: ‚Schau wie gut, jetzt weißt du einmal, wie es mir geht, weil ich soll ja auch sonst von vielen anderen bestochen worden sein und daher bin ich eigentlich ganz froh, dass sie euch gefragt haben, weil ihr werdet natürlich wahrheitsgemäß gesagt haben, dass das nicht der Fall war, und daher weißt du, als wesentlicher Zeitungsherausgeber Österreichs, dass das offensichtlich nur eine große Verleumdungskampagne sein kann.‘“

– Ashwien Sankholkar

 
pixel