Meinung

22.11.201110:39 Uhr

Stephan Klasmanns "querformat": Österreich ist prinzipiell unschuldig

  • Da kann man leider nichts machen...

Die Indizien haben sich in den vergangenen Wochen schon gehäuft. Etwa als Vizekanzler Michael Spindelegger in London – angesprochen auf eine Herabstufung Österreichs durch Ratingagenturen – meinte, da könne man nichts machen, darauf hätte man keinen Einfluss...

Zwar könnte man beckmesserisch einwenden, dass die Regierung doch verstärkte Sparanstrengungen unternehmen könnte, aber das wäre ja wie gesagt beckmesserisch. Außerdem, wie uns Josef Cap belehrte – übrigens ein weiteres Indiz für das, was sich nun anbahnt –, sind ja gar nicht die Staatsschulden schuld an der Staatsschuldenkrise, sondern die Lehman-Pleite. Das ist zwar, könnte man beckmesserisch einwenden, ein völliger Unsinn, aber das wäre ja wie gesagt beckmesserisch. Auch dass wir die verbindlichen Kioto-Ziele zur CO2-Reduktion nicht einhalten, liegt natürlich nicht im Einflussbereich der Politik. Böse Tanktouristen, die unsere niedrigen Spritpreise ausnutzen, sind daran schuld. Man könnte zwar natürlich die Mineralölsteuer auf das in den Nachbarländern übliche Niveau anheben, aber das wäre ja … Sie wissen schon.

Sind dies alles nur Zufälle? Ist das bloß feige Ignoranz, dass unsere Politik die Verantwortung für alles und jedes rundweg ablehnt? Nein, weit gefehlt: Zwischen Genie und Parlament liegt bekanntlich nur ein schmaler Grat. Im Geheimen bereitet unsere Regierung eine Verfassungsänderung vor, die auch in den EU-Vertrag mit aufgenommen werden soll. Ein Zusatz zu Artikel 1 der Bundesverfassung soll endlich letztgültig festschreiben, was seit dem Anschluss 1938 ohnehin jeder weiß: „Österreich kann nichts dafür.“ Wir sind prinzipiell unschuldig, wir weisen jede Verantwortung für Missstände von uns.

Vor der Regierungsbank im Parlament wird künftig ein großes Transparent hängen, mit der Aufschrift: „Der Fehler liegt nicht in unserem Bereich, und deswegen arbeiten wir auch nicht an seiner Behebung.“ Sollten wir im PISA-Test weiter zurückfallen, so liegt das natürlich nicht an unserem Schulsystem, sondern am der österreichischen Gehirnstruktur fremden Testaufbau.

Das rekordtiefe Pensionsantrittsalter ist natürlich auch gottgegeben und nicht etwa durch seltsame Gesetze verursacht: Die harten Lebensbedingungen in den hochalpinen Regionen wie etwa Wien oder Linz bringen eben einen früheren Eintritt der Arbeitsunfähigkeit mit sich. Die hohe Alkoholikerquote wiederum geht auf die russische Besatzung nach dem Zweiten Weltkrieg zurück und zeigt doch bloß, wie offen und respektvoll wir mit fremden Bräuchen umgehen.

Selbst bei wirklichen Katastrophen, wie einem schlechten Abschneiden der Ösis im Skiweltcup, sind die Ursachen stets externer Natur. „Feindliche ausländische Elemente“, höre ich schon unseren Sport- und Selbstverteidigungsminister Norbert Darabos zum verbalen Gegenschlag ausholen, „haben sich durch einen listigen Wechsel von Kanteneinsatz und Hocke den Sieg gegen unsere Helden geradezu erschlichen.“

Ja, unser aller Leben wird sich durch den neuen Verfassungszusatz zum Besseren wenden. Was immer auch passiert – wir können nichts dafür. Selbst- und verantwortungslos haben wir auf unserer Insel der Wein- und sonstwie Seligen einen sorgenfreien Lenz. Hier träumen wir süß dahin mit unseren Faymännern und Spindeleggern und schlafen der Schlaf der Selbstgerechten. Bis zum bösen Erwachen …

- Stephan Klasmann

pixel