Meinung

25.10.201110:39 Uhr

A. Weber in 'formatiert': Die große Koalition der Wütenden

  • Wutsenioren und junge Revoluzzer
  • Was wird aus dem Aufstand gegen die Politik?

Jetzt also hat auch er es getan. Die vielleicht letzte unangreifbare Instanz dieser Republik. Respektiert von Jung und Alt. Er, die Legende schlechthin: Hugo Portisch, bald 85, sagenumwobener „Kurier“-Chefredakteur, Chefkommentator des ORF, mit den Dokus „Österreich I“ und „Österreich II“ zum Geschichtslehrer und Identitätsstifter der Nation aufgestiegen, hat ein Buch geschrieben.

Es heißt schlicht „Was jetzt“ – ohne Fragezeichen – und ist eines von diesen schmalen, selten mehr als einen Zentimeter dicken Bändchen, die gerade so en vogue sind. In denen schreiben sich meist ältere, in Ehren retirierte Persönlichkeiten ihren Frust über die herrschenden Verhältnisse von der Seele.

Portischs Thema ist wie eh und je das große Ganze, die Europäische Union und der mögliche Zerfall derselben durch Euro und Staatsschuldenkrise. Auf schlanken 77 Seiten taucht er tief ab in die Geschichte, erklärt Europa ab den Kriegen von 1870.

Alles schon mal gelesen? Aber sicher, und auch brillanter formuliert, etwa in der Streitschrift des deutschen Essayisten Hans Magnus Enzensberger „Sanftes Monster Brüssel“. Und: Weiß Portisch Antworten auf das „Was jetzt“? Keine, die in politik- und wirtschaftsinteressierten Zirkeln nicht schon diskutiert würden. „Wider die Nationalstaaterei“, „Akzeptanz und Solidarität mit den Bürgern“ schaffen etc.

Dass Portisch über Europa nicht anders schreibt, als der Bundespräsident in der Ansprache zum Nationalfeiertag über Europa spricht – sei’s drum.

Wichtig am Werk der Legende ist: Der Mann verfügt über höhere Glaubwürdigkeit als Politiker. Verstehen auch nur ein paar Tausend mehr europäische Zusammenhänge, hat sich die Arbeit des „Aufklärungsbürgers“ (Portisch über Portisch) schon gelohnt.

Der Satz „Ja, ich bin ein Wutbürger“, kommt Sir Hugo freilich nur zögerlich über die Lippen. Der Journalist, der Staatsoberhaupt hätte werden können, hätte er es nur gewollt, möchte sich offenbar nicht einreihen in die Riege jener Alten, die jetzt den Aufstand gegen das Polit-Establishment proben, dem sie so lange angehört haben.

Von A wie Androsch über B wie Bacher und Busek bis R wie Raidl und V wie Voggenhuber machen „Wutsenioren“ (© Joachim Riedl, „Die Zeit“) mobil. Sie gründen Vereine und Initiativen, starten Volksbegehren. Einstige Parteizugehörigkeiten spielen keine Rolle mehr, alte Feindschaften auch nicht und ideologische Gräben schon gar nicht.

Die Oldies eint in Geist und Aktion dreierlei, wie sie der „Zeit“ anvertrauten: „Die Dummheit der Regierung, dass die alle so blöd sind“ (Erhard Busek, Ex-VP-Vizekanzler); „So mies wie jetzt wurden wir noch nie regiert“ (Gerd Bacher, Ex-ORF-General); „Die drei Vs des Stillstandes: Vernachlässigung, Verhinderung, Versäumnis“ (Hannes Androsch, Ex-SP-Vizekanzler).

Nun ist diese Beschreibung des Status quo nicht neu. Einmalig im Land der ewigen großen Koalition ist, dass „der Zorn der Generation von gestern, die an das Morgen denkt“, wie der Politologe Anton Pelinka den Klub der Alten analysiert, so rücksichtslos das eigene, in der Regel rot-schwarze, Nest anschwärzt. Da muss der Wutstau wirklich riesengroß sein.

Doch was wird aus dem Aufstand der späten Revoluzzer: mehr als geschliffen vorgetragene Suderei von Politrentnern, auch wenn es sich bei diesen um die besten Köpfe der Republik handelt? Kann daraus etwas „ganz Großes“ werden, wie sich das die grüne Ikone Johannes Voggenhuber wünscht?

Kommt es gar zum Putsch der Pensionisten? „Reißt euch am Riemen, oder wir übernehmen wieder den Laden!“, droht Busek mehr ernst- als scherzhaft den Regierenden. Ein Expertenkabinett aus Androsch, Busek, Raidl, Voggenhuber und Co – das hätte schon was. Wäre in Krisenzeiten wie diesen mutmaßlich auch besser für Österreich, ist aber so wahrscheinlich wie eine Faymann-Absolute bei der nächsten Wahl.

Denn noch ist es mit Ausnahme des Bildungsvolksbegehrens und des „Mutbürgerstammtischs“ der Journalisten-Doyenne Anneliese Rohrer eine elitäre Erregung in eleganten Innenstadtsalons. „Uns fehlt die Anbindung zur Jugend“, klagt einer vom Altherrenkomitee.

Die ist ganz woanders. Bei Attac etwa, jener globalisierungskritischen Bewegung, die gerade enormen Zulauf erfährt. Deren Österreich-Gründer, Christian Felber, bastelt am anderen Ende des gesellschaftlichen Wutspektrums an der „Vernetzung“ der jungen Empörten, der Generation Prekariat, und hofft ebenfalls auf eine „Volksbewegung, vielleicht einen Konvent, in dem die Demokratie neu geschrieben wird“.

Eines haben beide Gruppen gemeinsam – da (bei den Alten) wie dort (bei den Jungen) wird nach nicht weniger als nach Antworten auf die großen Fragen der Zeit gesucht: Wie eine erschöpfte Demokratie zu neuem Leben erwecken, wie den Wohlstand einer saturierten Gesellschaft absichern beziehungsweise gerechter verteilen, wie global nachhaltiger wirtschaften?

So unterschiedlich diese große Koalition der Wütenden zusammengesetzt sein mag, mehr Zustimmung im Volk als die regierende große Koalition dürfte sie schon jetzt haben. Denn eines ist gewiss, um noch mal Häuptling flinke Zunge, Busek, zu zitieren: „Das Immunsystem des politischen Organismus ist zusammengebrochen. Das gegenwärtige System lässt sich nicht mehr reparieren.“ Nur was danach wirklich kommt, das wissen selbst unsere aktiven Wutsenioren nicht so genau.

- Andreas Weber

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