Kultur & Style

22.09.201115:42 Uhr

Das Synchronisationstrio maschek. im FORMAT-Interview

  • Über das Programm, Reichensteuer und Börsenporno
  • 'Der Strache ist was er ist: eine dumme Sprechpuppe'

Nach dem Polit-Puppenspiel-Blockbuster „Bei Faymann“ bastelt das Synchronisationstrio maschek. im neuen Programm aus 100 Stunden TV-Material vom 10. 10. 2010 die globale Revolution. Ein Interview über Reichensteuer & Börsenporno, Sendelöcher & allgemeine Ratlosigkeit.

Mit ihren Live-Synchronisationen von TV-Bildern haben sie dem Begriff „etwas von der Maschekseite angehen“, eine neue Dimension gegeben: Die Rede ist von Robert Stachel, Peter Hörmanseder und Ulrich Salamun. Kennen gelernt hat man sich 1996 beim Studium in Wien. Was als experimentelle Blödelei bei der Moderation eines Abends zur Nationalratswahl 1999 begann – nämlich Fernsehpassagen durch Synchronisation eine völlig andere Bedeutung zu geben –, wurde zu ihrem Markenzeichen.

„maschek. redet.drüber“ ging als neue Form der Satire in Serie. Und der kultige Avantgarde-Schmäh wurde zum Blockbuster in unterschiedlichsten Formaten: Sei es durch Bühnenshows mit Rückblick auf das televisionäre Geschehen, als Bestandteil der ORF-Sendung „Dorfers Donners talk“ oder mit der kabarettistischen Polit-Puppentheater-Reihe „Bei Schüssels“, „Beim Gusenbauer“ und zuletzt „Bei Faymann“.

FORMAT bat die Satire-Boygroup aus dem Probenraum, wo sie in der Endphase der Vorbereitungen zu ihrem neuen Programm stecken. 101010 ist nach 090909 der zweite Abend aus ihrer Serie „maschek. Fernsehtage“. Basis sind 100 Stunden TV-Material – aufgenommen mit vier Harddiskrecordern, 24 Stunden lang am 10. 10. 2010 –, das zu einer Geschichte verdichtet wird.

FORMAT: „Fernsehen manipuliert die Welt. maschek. manipulieren Fernsehen. Folglich manipulieren maschek. die Welt“ ist euer Motto. maschek. im Kampf mit den Medien, wer gewinnt?

Hörmanseder: Gewinnen tut niemand. Alte Medien, also analoge Fernseher, sind der Zündstoff am Scheiterhaufen. Die gehen genauso drauf wie wir. Aber das Feuer ist kein echtes, sondern ein mediales. Es kann auch sein, dass wir gewinnen und als große Helden überbleiben. Als Ikonen.

FORMAT: Mit 101010 geht ihr euer eigenes Konzept noch mal von der Maschekseite an …

Salamun: Genau. Clips wie in „Dorfers Donnerstalk“ haben einen anderen Zugang. Man überlegt, welches Thema ist in der Welt angesagt, und sucht Bilder im ORF-Archiv dazu. Zum Beispiel Libyen im Österreich-Kontext. Das heißt: Gaddafi mit Haider, der neue mediale Star Karim El-Gawhary, dazu das Vorgängermodell Antonia Rados. Und schon kann sich eine Geschichte vom Kleinkrieg Rados – El-Gawhary ergeben.

Stachel: Diese methodische Herangehensweise wollten wir umdrehen. Was passiert, wenn man nicht zuerst die Idee hat, sondern gezwungen ist, aus einem Materialpool von 24 Stunden eine Geschichte zu bauen?

FORMAT: Und?

Stachel: Es zeigt sich in der Praxis, dass 100 Stunden Material zu viel ist. Wir haben alle deutsch sprachigen Nachrichtensendungen, sehr viele amerikanische, afrikanische, Dokus, Gameshows, Realityshows. Es war der Tag vor der Rettung der chilenischen Kumpel. Der arabisch-afrikanische Gipfel in Libyen, der 70er von John Lennon und: Landtagswahl in Wien.

Hörmanseder: Der größte Unterschied zu 090909 besteht darin, dass der 10. 10. 2010 ein Sonntag war. Es gab also international weniger Nachrichten, mehr gediegene Sonntagsstammtische, Pressestunden, ganz viel religiöse Sachen und Schlager und Folklore. Was es gar nicht gab, sind Börsennachrichten. Sonst wird man ja jeden Tag zubetoniert mit diesem Börsenporno.

FORMAT: Wie viel Masochismus braucht es, 100 Stunden TV zu sichten? Oder freut ihr euch auf peinliches Material?

Salamun: Grundsätzlich bin ich neugierig, aber irgendwann wird’s fad. Peinliche Ausschnitte funktionieren nämlich gar nicht. Die sind ja an sich schon peinlich. Uns geht’s um Details, die sonst im Hintergrund passieren.

Hörmanseder: Politiker machen ja oft die immer gleichen Sachen. Etwa das klassische Einstiegsbild für ein Interview: Politiker geht zum Schreibtisch und tut so, als würde er was arbeiten … Aus der Menge an solchen Einstiegen kann man etwas entwickeln. Jeder Mensch schaut fern, aber wir sehen durch die oftmaligen Wiederholungen das System dahinter.

Stachel: Dann wird gebaut wie an einem Puzzle. Es gibt Material, bei dem man gar nichts machen muss: Man schaut es einmal an, redet kurz drüber und merkt, dass die G’schicht funktioniert. Und dann kannst du 50 Stunden Material sichten, und es kommt nicht das Richtige.

FORMAT: Diesmal geht es um die globale Revolution …

Hörmanseder: 090909 entwickelte konkret ein Weltuntergangsszenario, nun geht es um einen atmosphärischen Zustand der jetzigen Welt, in der neue Medien wie Facebook und Twitter auch in politischer Dimension neue Bedeutung gewonnen haben. Am Beginn steht eine Gruppe von Hackern, Finanz- oder Cyberterroristen, die das Vermögen von Superreichen gerecht verteilen, Robin-Hood-artig. Man greift direkt auf das Konto der reichsten Person der Welt zu …

Salamun: Piratenpartei exekutiert Reichensteuer!

Hörmanseder: Wir haben uns ausgerechnet, das Vermögen in privater Hand beträgt 100 Billionen Euro, würde man die Summe durch die Anzahl der Bevölkerung dividieren, kommt man auf rund 10.000 Euro pro Person. Und dann zeigt sich: 10.000 Euro können ein unglaubliches Vermögen sein, mit dem sich mancher eine Existenz aufbauen könnte, oder – in einer Nacht versoffen werden, wie bei den Proleten aus der ATV-Serie „Saturday Night Fever“. Damit stellt sich die Frage: Braucht man das Geld überhaupt?

Salamun: Und die Frage, ob die naive Umverteilungsidee überhaupt eine Lösung darstellen kann.

FORMAT: Eure Mission? Oder ist es Selbsthygiene?

Hörmanseder: Beides. Die Mission ist immer eine aufklärerische Tätigkeit. Denn 95 Prozent der Menschen leben ihren Trott. Unser größter Luxus ist die Zeit: ein halbes Jahr arbeiten, ein halbes Jahr nachdenken. Die ärmsten Leute sind die, die um Scheißgeld beinharte Arbeit machen müssen und am Ende des Tages nicht einmal mehr Kraft und Zeit haben, zu reflektieren, was sie da leben. Aber auch solche Leute kann man erreichen und mit dem „Drüberlachen“ was in Gang setzen.

Stachel: Wir beschreiben den Zustand der momentanen Ratlosigkeit. Die Probleme sind dringlich wie undurchschaubar. Ob Euro, Umverteilung, Schutzschirm – niemand weiß, wie es weitergeht. Und auch mit alten linken Ideen stößt man schnell an Grenzen.

FORMAT: Hilft die Pluralität der Infoquellen?

Hörmanseder: Dadurch, dass jetzt auch Handy- oder Twitter-News als Quelle dienen, wird eher alles noch unschlüssiger. Man sieht jedes Unglück aus 400 Perspektiven und bei Bedarf auch in 3D. Aber auf den tatsächlichen Wahrheitsgehalt ist kein Verlass. Man hat eine Sehnsucht nach der starken moralischen Instanz. Aber die gibt es nicht.

Stachel: Das öffentlich-rechtliche Fernsehen ist in seiner Mut- und Fantasielosigkeit heute genauso Resultat wie Metapher einer falschen Politik.

Salamun: Wir sind groß geworden in einem Zeitalter, wo man um 19.30 Uhr gebannt auf die „ZiB“ gewartet und alles für bare Münze genommen hat. Qualitätsjournalismus ist sicher immer noch ein guter Filter …

Hörmanseder: Den gibt es heute aber nur mehr in amerikanischen Filmen. Hierzulande ist bekanntlich auch Qualitätsjournalismus zu mindestens 50 Prozent ökonomisch gesteuert. Gibt es eine Anzeigenkampagne, schaut die Wahrheit zum betreffenden Thema gleich ganz anders aus.

Salamun: Wenn man die Kräfteverhältnisse kennt und gut informiert ist, kann man das dechiffrieren.

Hörmanseder: Interessant ist, dass sich aktuell sicher 70 Prozent des Boulevardprogramms im TV mit Themen befassen wie „Du musst schöner, reicher & erfolgreicher werden“. Da wird für den Normalbürger ein Ideal aufgebaut, von dem die Industrie profitiert. Gerade vor dem Hintergrund der Finanz- und Wirtschaftskrise boomen auch die Casting-Formate. Es genügt nicht, zu sein, wie oder was man ist.

Stachel: Diese Offenlegung der Karrieren und Wünsche wird heute nicht mehr als unangenehm empfunden. Es gibt sichtlich eine Sehnsucht nach Transparenz, nach einer vereinfachten, wieder durchschaubaren Welt.

Hörmanseder: Mittlerweile entdecken Bohemians ja wieder das analoge Leben als Luxus. Man kauft das Haus am Land bewusst im Sendeloch, um unerreichbar zu sein. Vielleicht ist es aber auch eine Altersfrage, dass einem die Zeit mehr wert wird.

FORMAT: Jeder kann mittlerweile mit einem Handy Videos gestalten. Auf YouTube finden sich viele Privatclips „im maschek.-Stil“. Habt ihr Angst, von eurem eigenen Schmäh überrollt zu werden?

Hörmanseder: Unsere Kulturtechnik des Drüberredens bleibt für uns bestehen. Wir müssen unser Rad nicht neu erfinden. Ich finde gut, dass heute jeder mit seinem Handy das machen kann, wofür man früher ein Zimmer voll Ausrüstung gebraucht hat.

FORMAT: Eure innenpolitischen Programme lösen stärkeres Medienecho aus. Aussagen darüber, dass ihr euer „Menschenmaterial“ nicht so gerne im Publikum sitzen habt, haben einige Politiker verärgert.

Hörmanseder: Was das Publikum betrifft, finde ich immer noch, es hat mehr Wert, politische Menschen im Publikum zu haben als Politiker, denen nur eine Zeit lang eine bestimmte Macht gegeben ist.

FORMAT: Ihr habt in euren Programmen Running Gags für Gusenbauer bis Pröll kreiert. Wer gibt denn im Moment etwas her?

Hörmanseder: Natürlich sind Figuren wie Maria Fekter ein Thema. Eine eigenartige Mischung aus bösartig und dumm.

Stachel: Es ist schon interessant, dass mit Spindelegger und Faymann beide Koalitionsparteien es geschafft haben, aus ihrem Kader den jeweils farblosesten an die Spitze zu hieven.

FORMAT: FPÖ & BZÖ wird kein Forum gegeben?

Hörmanseder: Der Strache ist, was er ist: eine dumme Sprechpuppe, der alles vorgekaut wird. Aber wir sind ja nicht verbissen, wie das gute alte deutsche Kabarett. Wir sind so ein bisschen für und gegen alles. Wir sind Mediensatiriker.

FORMAT: Wie geht es mit maschek. im ORF weiter?

Salamun: Es wird einen Jahresrückblick bei Dorfer im Dezember geben.

Stachel: Und wir arbeiten an mehreren Ideen für eine eigene maschek.-Fernsehsendung. Welche davon auf welchem Sender umgesetzt wird, wissen wir noch nicht. Aber es stehen in Österreich derzeit vier Anstalten zur Verfügung, die alle potenzielle Partner sind.

FORMAT: Das Publikum beobachtet euch, ihr den Bildschirm, während Ihr live synchronisiert. Muss man da wie eine Maschine funktionieren?

Hörmanseder: Wir sehen ja maximal die erste Reihe. Wir haben auch gar keine Texte, nur einen Inhalt und einen groben Ablaufplan. Im Vorfeld zum Programm werden die Clips erarbeitet, das bleibt dann im Kurzzeitgedächtnis.

FORMAT: Keine Angst von einem Blackout?

Salamun: Das hatten wir schon minutenlang. Dann wird weitergeredet.

Stachel: Wir spielen das Versagen aus.



Interview: Michaela Knapp

maschek.101010, Rabenhof, ab 27. 9.

100 Stunden TV-Material vom 10. Oktober 2010 – von der Wien-Wahl über den Durchbruch zu den verschütteten Kumpeln in Chile bis zur Militärparade in Nordkorea – bilden die Grundlage zu einem „revolutionären Fernsehtag“, an dessen Beginn Cyberterroristen das Weltvermögen verteilen.
Premiere: 27. 9., 20 Uhr.



pixel