Meinung

01.08.201115:52 Uhr

Stephan Klasmanns "querformat": Tod durch Zwangsbeglückung

Es ist schon erstaunlich, wie sehr man am Volk vorbeiregieren kann, ohne es zu bemerken.

Erst kürzlich haben wissenschaftliche Experimente eine klare Hierarchie unserer Triebe und Bedürfnisse bewiesen. Erst kommt der Überlebenstrieb, dann – mit respektablem Abstand – Durst und Hunger und schließlich weit abgeschlagen der Fortpflanzungstrieb. Doch diese Rangliste scheint nicht für alle zu gelten. Gerade in den vergangenen Monaten werden uns zumindest auf politischer Ebene Beispiele von tiefer Todessehnsucht vor Augen geführt. Diesseits und jenseits des Atlantiks stehen wir staunend vor den seltsamen Aktionen überzeugter Polit-Lemminge.

Der Vortritt in chronologischer Hinsicht gebührt dem Juniorpartner in der deutschen Regierung, der FDP. Sämtliche Umfragen zeigen das immer gleiche Bild. Eine überwältigende Mehrheit der Deutschen – stets rund 70 Prozent – lehnen Steuersenkungen ab und nennen einen Abbau der Staatsschuld und der Budgetdefizite als wichtigstes Haushaltsziel. Das nützt dem klugen Volk aber gar nichts, denn das Duo Rösler/Westerwelle hält unbeirrt an seinem schwachsinnigen Steuersenkungsprogramm fest.

Das muss man sich einmal vorstellen: Da habe ich das Glück, ein Volk regieren zu dürfen, dass entweder so vernünftig, zumindest aber so instinktsicher ist, zu verstehen, dass ein Leben auf Pump über kurz oder lang ins Auge geht. Und anstatt mit Eifer daranzugehen, diesen demokratischen Auftrag der Haushaltssanierung zu erfüllen, gehen Rösler, Westerwelle & Co ihren Wählern, dem Finanzminister und dem Koalitionspartner ganz allgemein so auf die Nerven, dass sich die FDP geradezu atomisiert. Diese Woche stagniert sie laut RTL-Umfrage weiter bei vier Prozent und somit auf dem tiefsten Stand aller Zeiten – bei der Bundestagswahl 2009 hatte man noch einen Stimmenanteil von 14,6 Prozent erreicht. Es ist schon verblüffend, wie sehr man am Volk vorbeiregieren kann, indem man vermeintlich seine Interessen vertritt.

Letzteres demonstrieren uns derzeit auch die Republikaner in den USA im Streit um die Anhebung der Schuldenobergrenze. Die kategorische Ablehnung von Steuererhöhungen – die im Übrigen ohnehin nur für Einkommen über 225.000 Dollar gelten würden – geht völlig an den Interessen des Volkes vorbei. Auch hier spricht sich eine satte Mehrheit der Amerikaner für Steuererhöhungen aus, und sogar die unmittelbar Betroffenen wie Steve Jobs, Bill Gates und andere Schwerreiche haben längst öffentlich ihre Bereitschaft zu höheren Leistungen an den Fiskus erklärt.

Aber was juckt der Wille des Volkes schon dessen Vertreter. Und so bringen die halsstarren Republikaner nicht nur die Finanzmärkte einem fatalen Absturz näher, sondern auch sich selbst. Die nicht gerade als linke Postillen verschrienen Blätter „Financial Times“ und „Economist“ prophezeien der „Grand Old Party“ eine jahrzehntelange Absenz von der Macht, wenn sie es tatsächlich auf eine Insolvenz der USA ankommen lässt. Das scheint aber niemanden zu kümmern – eher bereitet man den politischen Selbstmord mit Anlauf vor.

Und spätestens an dieser Stelle muss man nun die Lemminge in Schutz nehmen. Es ist nämlich keineswegs so, dass sie willentlich ins Meer laufen, um sich zu ertränken. Sie sind gute Schwimmer, die gewohnt sind, auch Flüsse oder Seen zu durchqueren, und beim Meer angelangt, können sie schließlich nicht ahnen, dass es kein anderes Ufer gibt. Das ist tödliches Pech! Das Desaster der Lemming-Politiker ist dagegen letale Dummheit.

- Stephan Klasmann

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