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29.7.2011 14:59

Ökonom Bandholz: 'Das wahre verlorene
Jahrzehnt könnte erst noch bevorstehen'

  • 'Habe Angst, dass man die Kehrtwende nicht schafft'

Harm Bandholz, US-Chefökonom der UniCredit, über die Tücken der amerikanischen Wirtschaft und die Versäumnisse seiner Zunft.

FORMAT: War die vergangene Dekade ein verlorenes Jahrzehnt für die USA?

Bandholz: Das kann man sagen. In der Zeit ist die Anzahl der Beschäftigten und das Nettovermögen der Haushalte stark gesunken, während die Schulden vor allem im Staatssektor nach oben schnellten. Trotz Präsident Barack Obama haben die USA viel politisches Kapital verspielt, solche Spannungen mit Europa gab es früher nicht.

FORMAT: Für Ökonomen ist Amerika ein Mekka der flexiblen Märkte. Wieso fällt das Land trotzdem zurück?

Bandholz: Amerika vernachlässigte wichtige Infrastrukturinvestitionen. Schauen Sie sich das veraltete Stromnetz an. Wer baut schon eine Fabrik, wenn er sich langfristig um den Strom sorgt? Es fehlt an Fachkräften. Das Land fällt in der Bildung immer weiter zurück. Ich rede nicht von den Spitzenuniversitäten, sondern von der breiten Masse der Schulen. Amerika stellt schlicht zu wenige Produkte her, die Schwellenländer kaufen wollen. Der Anteil des Finanzsektors ist viel zu hoch und wenig produktiv. Sicherlich, Banken haben eine Daseinberechtigung. Aber in den vergangenen Jahren waren sie vor allem darauf aus, nicht Geld produktiv zu verteilen, sondern sich selbst zu bereichern.

FORMAT: Kriegt Amerika seine Schulden in den Griff?

Bandholz: Ob man sich die Geldpolitik der Notenbank oder die Fiskalpolitik in Washington ansieht: Jedes Problem in der Konjunktur oder im Arbeitsmarkt wird sofort bekämpft, ohne Rücksicht auf Verluste. Doch mit der Schuldenproblematik ist ein neues Denken gefragt. Man muss kurzfristig den Gürtel enger schnallen, damit es langfristig besser wird. Die Mentalität müsste sich um 180 Grad drehen. Die Wandlung kann ich nicht sehen.

FORMAT: Als Ausländer leben Sie seit Jahren in den USA. Wie wirkt das Land auf Sie?

Bandholz: Amerika macht den Eindruck einer Großmacht, die sich wirtschaftlich nicht mehr so viel leisten kann. Nehmen Sie die Entwicklung in Ägypten, ein wichtiger Verbündeter der USA. Doch Amerika schaute bei der Revolution nur zu, früher hätte man eingegriffen. Das ist vermutlich erst der Anfang. Es mehren sich in den USA die Stimmen, alle ausländischen Militärbasen zu schließen. Warum soll man auch auf den japanischen Inseln amerikanische Soldaten haben? So denken die Leute, es kostet ja alles nur Geld.

FORMAT: Wenn Sie sich die nächsten zehn Jahre anschauen: Wird Amerika aus seinen Fehlern lernen?

Bandholz: Da bin ich skeptisch. Ich habe Angst, dass man die Kehrtwende nicht schafft. Das wahre verlorene Jahrzehnt für die USA könnte somit erst noch bevorstehen.

29.7.2011 14:59
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