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19.11.201015:05 Uhr

Andreas Lampl
Klasse statt Kasse

Was die Geschichte des Böhler-Konzerns über Manager-Moral, Vorzüge der Old Economy und windige Finanzinvestoren erzählt.

Mitte November feierte der Manager Claus Raidl seinen Abschied, standesgemäß in der Wiener Hofburg. Ein würdiger Anlass – an dieser Stelle aber nicht für eine Hommage, sondern um sich eine bemerkenswerte Entscheidung Herrn Raidls vor dreieinhalb Jahren in Erinnerung zu rufen. Anfang des Jahres 2007 wurde dem Generaldirektor des Edelstahlkonzerns Böhler-Uddeholm vom damaligen Kernaktionär, einer Privatinvestoren-Gruppe aus Oberösterreich, mitgeteilt, dass man die gehaltenen Anteile wieder verkaufen werde. Der Böhler-Aktienkurs hatte sich innerhalb weniger Jahre verachtfacht, eine Verlockung, der die Geldgeber nicht widerstehen konnten. Für Claus Raidl wäre das die einmalige Chance gewesen, selbst groß abzukassieren. Smarte Jungs von Finanzinvestoren, so genannten Private-Equity-Fonds, gaben sich bei Böhler-Uddeholm die Klinke in die Hand. Die meisten von ihnen begannen das Gespräch mit millionenschweren Angeboten an die Vorstände, falls diese einen Einstieg des jeweiligen Fonds unterstützen würden – noch bevor auch nur ein Wort über die Strategie für den Stahlhersteller verloren wurde.

Der Konzernchef hätte sich ganz locker einen zweistelligen Millionenbetrag holen können, ein Paket aus einem fetten Gehalt, Aktienoptionen und einer großzügigen Abfertigung nach dem baldigen Ausscheiden, wie das in solchen Fällen üblich ist. Doch Raidl konnte widerstehen. Statt das viele Geld zu nehmen, sprach er sich für eine Übernahme Böhlers durch die Voest aus. Nicht weil er sich nichts aus Geld macht. Der Mann ist kein Heiliger, und es muss ihm schwergefallen sein, gegen Ende seiner erfolgreichen Karriere die Chance auf ein richtiges Vermögen – die angestellte Manager selten bekommen – ungenützt zu lassen. Er lehnte auch nicht aus Sentimentalität gegenüber der Voest ab, wo er in den achtziger Jahren seine erste Top-Position bekleidete. Im Gegenteil: Raidl selbst hatte einst Böhler aus der Voest-Gruppe herausgelöst und später an die Börse gebracht. Wieder in den Schoß der Linzer zurückkehren zu müssen, und das nicht einmal als Nummer eins, kann ihn nicht euphorisch gestimmt haben. Was er 2007 tat, geschah nur aus Verantwortungsbewusstsein. Und es war nicht selbstverständlich. Jeder, der sich häufig in Wirtschaftskreisen bewegt, kennt Leute, die sich anders entschieden hätten. Eine ganze Menge Leute. Diese hätten durchaus akzeptiert, dass ein Fonds den Kaufpreis (in diesem Fall 3,3 Milliarden Euro) dem übernommenen Konzern aufbürdet – was in der Folge dazu geführt hätte, dass Böhler-Uddeholm in seiner ursprünglichen Form heute nicht mehr existieren würde. Denn durch den Einbruch des Geschäfts in der Krise hätte man die Zinsenlast nicht mehr tragen können, die Zerschlagung wäre wohl der einzige Ausweg gewesen. Mit allen Folgen für Arbeitsplätze und den Standort. Unter dem Dach der Voest ist der Edelstahlspezialist hingegen wieder erfolgreich unterwegs. Insofern ist das Beispiel Böhler lehrreich in vielerlei Hinsicht.

Erstens beweist es in Zeiten des Manager-Bashings, dass der altmodische Begriff Moral auch unter Konzernlenkern bekannt ist und dass ihre gerne kritisierte Profitgier keinesfalls für alle gilt. Eine Debatte über Managergehälter ist völlig überflüssig. Es geht darum, dass zum entscheidenden Zeitpunkt das Richtige getan wird. Zweitens: Der Staat hat nicht das Monopol auf gesellschaftliche Verantwortung innerhalb der Wirtschaft. Gerade der ehemalige Verstaatlichten-Manager Raidl war immer ein radikaler Verfechter von Privatisierung und des freien Markts. Drittens: Finanzinvestoren, nicht zu Unrecht auch Heuschrecken genannt, können bei schlecht geführten Unternehmen und Pleitekandidaten zuweilen hilfreich sein, um den Karren wieder flottzumachen. Bei gut geführten – und gut gehenden – Unternehmen bringen sie nur selten zusätzliches Know-how oder besondere Managementkapazitäten ein. Da geht es dann nur ums Abkassieren. Viertens: Finanzdeals sind kein Ersatz für innovative, am Weltmarkt wettbewerbsfähige Industriekonzerne der Old Economy wie Böhler. Jene Volkswirtschaften, die darauf gesetzt haben, etwa Irland oder England, stecken jetzt besonders tief in der Bredouille. Österreich war und ist in diesem Punkt zum Glück konservativer. Auch dank Leuten wie Herrn Raidl.

lampl.andreas@trend.at

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