Hypo Alpe-Adria - Affäre

19.06.201214:45 Uhr
Flick machte dank Wolfgang Kulterer und Tilo Berlin gute Geschäfte mit der Hypo

Flick machte dank Wolfgang Kulterer und Tilo Berlin gute Geschäfte mit der Hypo

  • Die geheimen Sonderrechte der Flick-Stiftung

Die Flick-Privatstiftung machte auffällig häufig gute Deals mit der Hypo Group. Geheime Sonderrechte sicherten sie vor Verlusten ab. Die Justiz prüft nun die Rechtmäßigkeit aller Flick-Privilegien.

Sie gilt als eine der vermögendsten Frauen Österreichs. Ingrid Flick war einst Hotelrezeptionistin im „Hospiz“ am Arlberg. Die Heirat mit Friedrich Karl Flick machte mit der Zeit aus der unauffälligen Zimmermannstochter eine schillernde Society-Queen.

Als der greise Multimilliardär – von Freunden respektvoll „FKF“ genannt – am 5. Oktober 2006 im Alter von 79 Jahren starb, vermachte er seiner damals 46-jährigen Ehegattin ein Millionenvermögen. Der Großteil des auf 6,8 Milliarden Euro geschätzten Erbes sollte aber in der Flick-Privatstiftung bleiben, die den sagenhaften Reichtum (Aktien, Immobilien und Fonds) bis dato für die Familie verwaltet.

Nach dem Tod des alten Herrn traten fünf Männer ins Leben der jungen Milliardärswitwe: der Wirtschaftsprüfer Jörg-Andreas Lohr, die Rechtsanwälte Alexander Klaus und Stephan Löscher sowie die Finanzmanager Wolfgang Kulterer und Tilo Berlin.

Klaus, Kulterer und Lohr fungierten ab Oktober 2006 als Vorstände der Flick-Stiftung und als kompetente Konfidenten für Ingrid Flick. Freund Berlin diente der lustigen Witwe als Finanzberater. Und die Advokaten Klaus und Löscher bestellte sie zu Geschäftsführern der Ingrid Flick Vermögensverwaltung GmbH – so eng war die Vertrauensbeziehung.

Seit wenigen Wochen interessieren sich die Ermittler im Kriminalfall Hypo Group Alpe Adria (HGAA) auch für Ingrid und ihre fünf Freunde. Denn FORMAT exklusiv vorliegende Hypo-Aktenvermerke, Kaufverträge und Notariatsakten, die bei Hausdurchsuchungen sichergestellt wurden, rücken sie ins Zentrum der Investigationen. Das brisante Material dokumentiert, wie die Flick-Gruppe von ihren exzellenten Privatkontakten zu hochrangigen HGAA-Bankern auch geschäftlich profitierte. Aus Ermittlersicht entwickelt sich der Hypo-Krimi so immer mehr zu einer brandneuen Flick-Affäre.

Damit wird die an Skandalen nicht unbedingt arme Chronik der Flick-Dynastie um ein spektakuläres Kapitel erweitert. Zur Erinnerung: Firmengründer Friedrich Flick machte sein Vermögen als Nazi-Rüstungslieferant, und sein Sohn „FKF“ sorgte in den Achtzigern mit Parteienfinanzierung in Deutschland für Schlagzeilen. Zudem berichtet das Magazin „News“, dass die Korruptionsstaatsanwaltschaft gegen einen Sicherheitsberater von Ingrid Flick wegen Amtsmissbrauch ermittelt. Der karenzierte Polizist soll Kulterer bei Immodeals in Rumänien „geholfen“ haben.

Tatsächlich scheinen die fünf Flick-Freunde überraschend häufig bei fragwürdigen Hypo-Transaktionen auf. Zudem zählen die Flick-Stiftung und Ingrid Flick zur seltenen Gruppe von Personen, die selbst in Krisenzeiten auffällig gute Deals mit der Hypo Group machten: Berlin holte sie Ende 2006 in seine skandalumwitterte Hypo-Investorengruppe, und Kulterer verschaffte ihnen als privilegierten Vorzugsaktionären sichere Profite.

Gute Geschäfte bis zum Ende

Das Skandalöse: Während die HGAA 2009 mit Steuergeld vor der Pleite gerettet werden musste, verdienten Flick und Co bis zur Verstaatlichung viel Geld. Der mysteriöse Erwerb von Vorzugsaktien (VZA) könnte die Flick-Stiftung nun in die Bredouille bringen. Denn dieses Geschäft hat die von Finanzprokurator Wolfgang Peschorn und Advokat Guido Held gesteuerte „CSI Hypo“ – ein Team aus Anwälten, Forensikern und Wirtschaftsprüfern – am 24. August 2010 bei der Staatsanwaltschaft Klagenfurt angezeigt.

In der FORMAT exklusiv vorliegenden CSI-Sachverhaltsdarstellung werden alle in den VZA-Deal eingebundenen Hypo-Manager der Untreue und der Bilanzfälschung verdächtigt. Auch ob Vorzugsaktionäre, wie etwa die Flick-Stiftung oder Ingrid Flick, strafrechtlich relevant handelten, muss die Justiz nun genau prüfen. Das Kalkül: Kann der Flick-Stiftung eine Beteiligung am Hypo-Desaster nachgewiesen werden, dann stünde das Milliardenvermögen der Flicks als Haftungsfonds zur Verfügung. Für alle Personen gilt die Unschuldsvermutung.

Doch wie kam es zum ominösen VZA-Deal? Die HGAA brauchte vor sechs Jahren wegen existenzbedrohender Fehlspekulationen dringend frisches Eigenkapital. Die millionenschweren Swap-Verluste schreckten neue Investoren ab, bei der Hypo einzusteigen. Das akute Kapitalproblem löste Kulterer über den Verkauf von Vorzugsaktien der HGAA-Tochter Hypo Alpe-Adria Leasing Holding (HLH).

Zu diesem Zweck holte Kulterer seine Freunde an Bord, denen er den Aktienkauf mit hohen Zinsen schmackhaft machte und mit billigen Krediten oder Gratis-Put-Optionen versüßte. Letztere erlauben die Rückgabe der HLH-Papiere an die HGAA zum Einstandspreis. Put-Besitzer hatten somit null Risiko beim VZA-Kauf.

Warum das so brisant ist? Aktien müssen riskant sein, um von der Aufsicht als bilanzielles Eigenkapital akzeptiert zu werden. Im Klartext: Wer Vorzugsaktien mit Put-Optionen als Eigenkapital ausweist, begeht Bilanzfälschung. Das ist wohl der Grund, warum die Existenz der Puts von Kulterer und Berlin bisher kategorisch abgestritten wurde. Denn als HGAA-Generaldirektoren wäre ihnen ein Verfahren wegen Bilanzfälschung sicher gewesen. Übrigens: Auf dieser Basis prüft die BayernLB nun Schadenersatzklagen.

Warum die Puts nun die Flicks betreffen? Sowohl Ingrid Flick als auch die Stiftung besaßen diese fragwürdigen Optionsrechte. Das geht aus einer Aktennotiz der HGAA-Rechtsabteilung vom 1. September 2008 hervor, wo es zu den Flicks heißt: „Put-Option des Aktionärs – HBInt bietet an, käuflich zu übernehmen – jederzeit ausübbar, frei disponibler Anspruch – Ausübung durch Annahmeerklärung in notariell beglaubigter Form – bis spätestens 31. 1. 2021 (…) Übertragung bereits von HBInt und HLH genehmigt.“ Den Vorwurf rechtswidrigen Handelns weist Flick-Vorstand Jörg-Andreas Lohr grundsätzlich vehement zurück. Angesprochen auf das heikle Thema Vorzugsaktien, sagt Lohr: „Zu schwebenden Verfahren will ich mich nicht äußern.“

Wer die Optionsgeschäfte auf der Hypo-Seite genehmigt hat, steht mittlerweile fest. Im Handakt des Notars Reinhard Kern, den die Soko Hypo bei Hausdurchsuchungen fand, sind alle Vertragspartner festgehalten. Die Akten sollten vernichtet werden, was die Soko verhinderte.

Tatsächlich beglaubigte Notar Kern die Unterschriften der früheren Hypo-Vorstände Tilo Berlin, Siegfried Grigg und Josef Kircher unter dubiosen Optionsvereinbarungen. Konkret unterzeichnete Berlin laut Notariatsakt als frischgebackener HGAA-Chef im Juni 2007 eine „Optionsvereinbarung (Put-Option für die Sankt Primus Privatstiftung) von heute, womit die HBInt dem limitierten Vorzugsaktionär unwiderruflich anbietet, einzelne, mehrere oder alle Vorzugsaktien an der HLH zu erwerben.“ Pikant: Seine Vertragspartner waren die Flick-Vermögensberater Alexander Klaus und Stefan Löscher.

Warum ausgewählte Aktionäre eine Gratis-Put-Option erhielten und wieso er als Hypo-Boss im Dezember 2008 HLH-Vorzugsaktien im Wert von 200 Millionen Euro zurückgekauft hat, will Berlin gegenüber FORMAT nicht kommentieren. Dabei ist der Rückkauf brisant. Denn wenige Wochen davor pilgerte Berlin wegen 900 Millionen Euro Staatshilfe ins Finanzministerium, weil die Bank jeden Cent Eigenkapital bitter nötig hatte.

Freundschaft verpflichtet

Freunderlwirtschaft vermuten die Ermittler der Soko Hypo. Denn so viel steht fest: Vom Rückkauf profitierten vor allem Vorzugsaktionäre à la Flick. Für die Bank brachte der Deal keine Vorteile. Zumal bei drohender Hypo-Insolvenz – wie sie Ende 2009 stattfand – alle Puts ohnedies wertlos geworden wären. Um ihren Millioneneinsatz wären die Geldgeber umgefallen. Laut internen Hypo-Akten besaßen Ingrid Flick bzw. Stiftung HLH-Aktienpakete im Wert von 14 bzw. 25 Millionen Euro.

Dass Tilo Berlin den Flicks schon immer sehr nahe stand, wird durch einen anderen Deal deutlich: den skandalumwitterten Hypo-Einstieg von Berlin Ende 2006 und den Weiterverkauf an die BayernLB im Jahr 2007.

Es war dieser Berlin-Deal bzw. der damit verbundene überteuerte Erwerb der HGAA durch die BayernLB, der die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft München vor einem Jahr auslöste und zum Strafverfahren in Klagenfurt führte. Berlin wird Betrug und Untreue vorgeworfen.

Doch im Gegensatz zu Kulterer geht es Berlin gut. Jener sitzt seit 13. August wegen illegaler Hypo-Kreditvergaben in U-Haft. Im November soll der Prozess folgen. Die Inhaftierung wirkte sich jedenfalls auch auf seine Beziehung zu den Flicks aus: Das Mandat in der Flick-Stiftung ist weg – und die Freundschaft mit Ingrid Flick liegt vorläufig auf Eis.

– Ashwien Sankholkar

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