
Profiteure des Hypo-Verkaufs an die Bayern: Wie der Deal von Berlin eingefädelt wurde
- Neue prominente Namen auf der Investorenliste. Papiere zeigen eine wundersame Wertvermehrung
FORMAT präsentiert neue prominente Profiteure im skandalumwitterten Hypo-Verkauf an die Bayern und deckt auf, wie der Deal wirklich eingefädelt wurde. Neuer Stoff für die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft.
Erschöpft sitzt Paul Senger-Weiss in einer warmen Stube im verschneiten Lech. Die Beine sind müde von den Skitouren. Doch statt die Weihnachtsferien genießen zu können, muss er sich über ein Finanzgeschäft aus dem Jahre Schnee ärgern. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Heidegunde hat der Spediteur Ende 2006 Genussscheine gezeichnet, die nun für Verdruss in der bayrischen und österreichischen Politik sorgen. Wir hatten keine Ahnung, dass es Geheimgespräche zwischen Tilo Berlin und der Bayerischen Landesbank gab, sagt Senger-Weiss. Der Vermögensverwalter Berlin hatte dem Ehepaar und anderen finanzstarken Österreichern und Deutschen eine Beteiligung an der Hypo Group Alpe Adria schmackhaft gemacht. Senger-Weiss: Für uns war das ein hochriskantes Geschäft, das auch schiefgehen konnte.
Bayern untersucht den Hypo-Deal
Es ging aber gut. Berlin, Senger-Weiss und Co konnten in weniger als einem halben Jahr einen Gewinn von 150 Millionen Euro, mehr als 22 Prozent des eingesetzten Kapitals, einfahren. Die Probleme begannen erst später, als im Oktober 2009 die bayrische Justiz den Kauf der Kärntner Bank durch die BayernLB genauer unter die Lupe nahm. Und sie eskalierten kurz vor Weihnachten, als die Hypo durch eine Notverstaatlichung von Finanzminister Josef Pröll vor der Pleite gerettet wurde. Seit damals interessieren sich Justiz, Politik und Medien für alle Hintergründe in der Hypo Alpe Adria und für die Mitglieder von Berlins Millionenbande. Es gibt viele offene Fragen bei der mit Kärntner Landeshaftungen rasant gewachsenen Bank. Erstens: Wie konnte es passieren, dass der Abschreibungsbedarf immer größer und größer wurde, ohne dass die bayrischen Eigentümer wirklich gegensteuerten? Und zweitens: Was geschah wirklich zwischen dem Ein- und Ausstieg des Berlin-Konsortiums bei der Hypo? Führte hier der Zufall zu einem guten Geschäft, oder haben gute Bekannte bewusst andere geschädigt zum eigenen Vorteil? Der Bayerische Landtag will Tilo Berlin vor einen Untersuchungsausschuss laden, und auch bei der Münchner Staatsanwaltschaft wird eifrig Material gesammelt.
Wundersame Wertvermehrung
Bei Hausdurchsuchungen bei der Vermögensverwaltung Berlin & Co wurde bereits eine Investorenpräsentation sichergestellt. Sie ist deshalb aufschlussreich, weil sie eine detaillierte Bewertung der Hypo Group umfasst. Demnach wäre das 25-Prozent-Paket der Investorengruppe im Juli 2007 höchstens 647,5 Millionen Euro wert gewesen. Die BayernLB und deren damaliger Chef Werner Schmidt kannten diese Zahlen seit Jänner 2007. Dennoch griffen sie tiefer in die Tasche und zahlten Berlin rund 800 Millionen Euro für den Viertelanteil. Zudem wurden alle Leichen im Keller blind mit übernommen, wie auch ein vertraulicher Bericht des Kärntner Rechnungshofs darlegt. Nur im Falle von Vorsatz oder grober Fahrlässigkeit haftet die Kärntner Landesholding. Die Haftung für Äußerungen, Informationen und Prognosen durch die Verkäufer wurde ausdrücklich ausgeschlossen. Somit wurde der Transaktion kein bestimmter wirtschaftlicher Mindesterfolg zugrunde gelegt. Bei einem Bankkauf ist das ein geradezu kriminelles Handeln seitens des Käufers, sagt Eike Hallitzky, grüner Abgeordneter im Bayerischen Landtag. Die Strafverfolgungsbehörden hegen aus diesem Grund den Verdacht der Untreue. In Bayern wird nun sogar daran gedacht, Schadenersatz von den Verkäufern zu fordern und damit auch von Berlins Investoren.
Zittern und Empörung
Sämtliche Vorgänge waren korrekt und im Einklang mit allen Gesetzen, hält Tilo Berlin fest. Mehr Einblick in den dubiosen Deal will er nicht gewähren. Auch die genaue Investorenliste hält er unter Verschluss. Die (noch) unbekannten Geldgeber zittern, die anderen tragen ihren Ärger zur Schau. Wie mit uns umgegangen wird, ist skandalös. Dass österreichische Investoren für den Einstieg bei einer österreichischen Bank kritisiert werden, ist ein starkes Stück, empört sich Ex-Mayr-Melnhof-Boss Michael Gröller. Geldverdienen wird doch wohl noch erlaubt sein. Das war ja nicht ohne Risiko. In die gleiche Kerbe schlägt Kika/Leiner-Seniorchef Herbert Koch: Ich habe das reinste Gewissen. Das war ein sauberes Geschäft. Dennoch wird er ein Rechtsgutachten in Auftrag geben, das seine Position unterstützt. Der frühere Hypo-Aufsichtsratschef ist auch durch einen jüngeren Hypo-Deal ins schiefe Licht gerückt. Von einer Hypo-Tochter kaufte seine Familie vor wenigen Wochen ein 5.732 Quadratmeter großes Grundstück mit direktem Seezugang in Pörtschach am Wörthersee, Seevilla. Der Preis soll mit rund sieben Millionen Euro deutlich unter dem Marktwert für vergleichbare Objekte liegen. Dieses Geschäft ist für Koch ebenfalls völlig korrekt gelaufen.
Sorger in der Bredouille
In Bedrängnis ist auch der stets auf sein korrektes Auftreten bedachte Präsident der Industriellenvereinigung. Veit Sorger ist wegen seiner engen Beziehung zu Tilo Berlin in der Bredouille. Er stieg vor drei Jahren mit einem kleinen Anteil bei der Hypo ein, was ihm einen Gewinn von mehr als 300.000 Euro einbrachte. Sein Mandat als Aufsichtsratspräsident der Banken-ÖIAG Fimbag, die nun auch über die verstaatlichte Hypo Alpe Adria wacht, verteidigt er mit Händen und Füßen. Potenzielle Interessenkonflikte bestreitet Sorger vehement. Dennoch war der öffentliche Druck für den 67-jährigen Ex-Papier-Manager zu groß. Er sah sich gezwungen, seinen Ertrag aus dem Hypo-Deal bis zur Kalmierung aller Wellen auf einem Treuhandkonto zu hinterlegen. Gröller will diesem Beispiel keinesfalls folgen: Nicht ein Cent aus dem Hypo-Deal kommt auf ein Treuhandkonto. Das zu verlangen ist eine bodenlose Frechheit. Auch Schadenersatzzahlungen an die Bayern will der Manager keinesfalls leisten. Das wär ja noch schöner. Gröller wurde ebenso wie Sorger von Berlin selbst das Geschäft angeboten. Koch wurde nach eigenen Angaben vom ehemaligen Hypo-Chef Wolfgang Kulterer auf die Anlagemöglichkeit aufmerksam gemacht, sein Möbelunternehmen hat damals geringe Anteile gezeichnet. Auch Kulterer selbst soll unter den Hypo-Investoren gewesen sein, wie auch die Flick-Stiftung, deren Vermögen er verwaltet.
Berlins Werdegang
Fakt ist, dass beim 51-jährigen Berlin alle Fäden zusammenlaufen. Er ist mit Filippa Gräfin Goëss verheiratet und dadurch in Kärntner Adelskreisen gut vernetzt. Auch mit dem verstorbenen Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider konnte Berlin sehr gut. Gerüchte, wonach aus dem Millionengewinn der Investoren auch Haiders BZÖ mit 27 Millionen Euro (und die ÖVP mit 13 Millionen) beglückt wurde, klingen daher plausibel. BZÖ und ÖVP weisen jegliche Form der verdeckten Parteienfinanzierung aus dem Hypo-Deal kategorisch zurück. Berlin wechselte nach seinem Jusstudium in die Deutsche Bank und 1994 zur Landesgirokasse nach Stuttgart. In dieser Zeit lernte der Hobbybiobauer und Edelkrebszüchter einen gewissen Werner Schmidt kennen, der damals ebenfalls in Baden-Württemberg im Bankgeschäft tätig war. Im Jahr 1999 wurde Berlin Vermögensverwalter. Es gelang ihm, den Aufsichtsrat seiner Gesellschaft durch prominente Namen wie Ferdinand Piëch junior, Oliver Marc Schwarzkopf vom gleichnamigen Kosmetik-Clan, Prinz Christoph zu Schleswig-Holstein und den Mercedes-AMG-Gründer Hans Werner Aufrecht zu schmücken. Die Aufsichtsräte sollen ebenfalls am Handel mit den Hypo-Anteilen prächtig verdient haben.
Prominente Profiteure
Auf der Hypo-Investorenliste finden sich laut FORMAT-Recherchen zudem Ex-Wienerberger-Chef Erhard Schaschl, der frühere Creditanstalt-General Guido Schmidt-Chiari und der Verpackungsindustrielle Stanislaus Turnauer. Auch die Unternehmerfamilien Heinzel (Papier), Gorton (Hohe Brücke), Rauch (Fruchtsäfte) und Tilly (Holz) sollen zu den Abkassierern zählen. Sowohl Schaschl als auch Schmidt-Chiari dementieren, Genussscheine gezeichnet zu haben. Verkompliziert wird die Namenssuche, weil viele Investoren die Equity Participation Rights (Genussscheine) des eigens für die Hypo-Übernahme in Luxemburg gegründeten Investmentvehikels Berlin & Capital S.a.r.l. nicht direkt gezeichnet haben, sondern über Dritte eingestiegen sind. So etwa bei der Hardt Group des Wiener Investmentprofis Alexander Schweickhardt. Die Hardt Group verwaltet das Vermögen von reichen Privatpersonen und institutionellen Anlegern. Schweickhardt: Wir waren als Finanzinvestor beim Hypo-Deal beteiligt. Das war ein großartiges Geschäft für die Hardt Group. Doch nicht nur das. Auch beim Arrangement der Transaktion Anfang 2007 mischte Schweickhardt über die Londoner Hardt-Tochter Kingsbridge Capital mit. Die Private-Equity-Firma warb mit Tilo Berlin um Investoren, die bei einer Kapitalerhöhung der Hypo Group einsteigen sollten Deckname Project Knox. Denn die Bank brauchte damals wegen millionenschwerer Verluste aus Swap-Geschäften dringend frisches Geld.
Verdacht der Untreue
Zur selben Zeit war Berlins Bekannter aus Stuttgarter Zeiten unter Zugzwang. Werner Schmidt hatte in seiner Funktion als Vorstandsvorsitzender der BayernLB das Bieterrennen um die Gewerkschaftsbank Bawag Ende 2006 verloren. Im Wettstreit mit anderen deutschen Landesbanken waren Expansionsschritte dringend gefragt. So kam ihm das Angebot von Berlin einige Wochen später gelegen. Im Mai 2007 wurden die Übernahmegespräche offiziell, und nach wenigen Monaten war der Takeover perfekt. Die Staatsanwaltschaften München und Klagenfurt ermitteln mittlerweile wegen Betrugs und Untreue. Kein Wunder, dass manche, auch ohne Ski gefahren zu sein, inzwischen kalte Füße bekommen.
Miriam Koch, Ashwien Sankholkar
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