trend - das österreichische Wirtschaftsmagazin

11.12.200915:02 Uhr

Potemkins neue Heimat: Schein und Sein
in der Umweltmusterstadt Güssing

  • Burgenländischer Ort ist von Autarkie weit entfernt

Klimaschutz. Die weltweit vermarktete Umweltmusterstadt Güssing im Burgenland ist in Wahrheit von der stets behaupteten Energieautarkie meilenweit entfernt.

Von Markus Groll

Österreich muss Güssing werden. Das postuliert zumindest Umweltminister Niki Berlakovich. Immerhin inves­tierte der gebürtige Burgenländer im Sommer extra vier Autostunden, um in der Umweltmusterstadt die neue Förderperiode des Klima- und Energiefonds vorzustellen, des bundesweit wichtigsten Öko-Förderinstruments: „Güssing ist das Synonym für Energieunabhängigkeit.“

Dass der Minister die beschämende Kyoto-Bilanz Österreichs verbessern will, ist verständlich, doch das Vorbild wenig tauglich. Wenn die Republik tatsächlich Güssing werden sollte, dann ist das gleichbedeutend mit Staatsbankrott, kalten Wohnungen und einer dennoch schlechten Umweltbilanz. Denn das politisch gehypte Klimaschutz-Demoprojekt ist ein Paradebeispiel dafür, wie gut gemeinte Vorhaben in der praktischen Umsetzung scheitern. Güssing ist bezüglich Energieversorgung heute nicht wesentlich autarker als Österreich als Ganzes, der CO2-Ausstoß kaum niedriger als vor fünf Jahren, und die offensiven Betriebsansiedelungen führten zu Schwermetallverunreinigungen der Bäche und Lärmbelästigung der Anrainer. Dafür ist die Gemeinde heute schwer verschuldet.
Guten Willen kann man den Güssingern nicht absprechen. 1990 beschloss der Gemeinderat den 100-prozentigen Ausstieg aus fossilen Energieträgern. Der damit beauftragte Gemeindemitarbeiter und Koordinator des Güssinger Experiments, Reinhard Koch, erwies sich als genialer Fundraiser in Sachen EU-Förderungen. Innerhalb von zehn Jahren konnten Fernwärmenetze errichtet, eine Biodieselanlage und ein Biomassekraftwerk hochgezogen werden. Ein warmer Regen von Lob und Preisen ergoss sich über Güssing: Energy Globe Austria, Hans-Kudlich-Preis des Ökosozialen Forums, Climate Alliance Award und zuletzt der Schweizer Watt d’Ór 2009. Der Ruf des autarken Städtchens, das der Öllobby die Stirn bietet, verbreitete sich in der einschlägigen Szene über ganz Europa. Ein Forschungszentrum folgte (EEE Güssing), der Ökotourismus wurde zum wirtschaftlichen Standbein.

Energieautark? Doch irgendwann hat sich das öffentlich vermittelte Bild Güssings von der Wirklichkeit abgespalten. Oder umgekehrt. Das beginnt damit, dass die vermeintliche Energieautarkie von Beginn an lediglich eine rechnerische war. Als Versorgungsinsel wäre Güssing genauso kalt, dunkel und ohne Auto unterwegs wie der
Rest Österreichs. Vor allem beträgt auch dieser rechnerische Selbstversorgungsgrad in Sachen Energie derzeit gerade mal 51 Prozent. Auf den Bezirk umgerechnet, aus dem die Biomasse-Rohstoffversorgung stammt, sinkt er gar auf 31 Prozent. Zum Größenvergleich: Das ist nur unwesentlich mehr als etwa der Anteil der erneuerbaren Energie in ganz Österreich (24 Prozent) und wäre immer noch zu wenig für die nächste Kyoto-Periode (34 Prozent). Der CO2-Ausstoß Güssings liegt derzeit auch noch bei rund 25.000 Tonnen pro Jahr, das ist genauso viel wie vor fünf Jahren – plangemäß wollte man schon 2006 mit 2000 Tonnen das Auslangen finden.
Eine Ursache für die eher durchschnittliche Energiebilanz ist die Pleite des Biodieselkraftwerks. Die nach der Beimischverordnung des Bundes 2006 installierten Großanlagen – unter anderem der OMV – drücken mit importiertem Palmöl als Rohstoff den Preis. Die Güssinger waren mit ihrer auf regionaler Rapsölbasis laufenden Anlage nicht mehr konkurrenzfähig. Damit fehlen in der Energiebilanz aber 80.000 MWh an erneuerbarer Energie, ärgert sich Güssings Bürgermeister Peter Vadasz: „Das ist ja die Chuzpe – wir fördern Ölpalmanlagen in der Dritten Welt.“ Die Energielücke tut umso mehr weh, als andererseits der Energiebedarf seit 2001 um zwölf Prozent angestiegen ist, denn um die Kraftwerke auszulasten, hatte man produzierende Betriebe angesiedelt.
Die offiziellen Jubelmeldungen nahmen von dieser Entwicklung allerdings keine Notiz. Genauso wenig wie Umweltpolitiker, die das Musterimage Güssings durch einen simplen Österreich-Vergleich nicht aufs Spiel setzen wollten. Mit der gleichen Rechnung könnten sich nämlich dutzende andere Gemeinden viel eher als ­energieautark bezeichnen. So produziert etwa das steirische Mureck mit seinem Biomassekraftwerk tatsächlich mehr Energie, als es verbraucht. Energiemanager Karl Totter: „Wir setzen um, was in Güssing theoretisiert wird.“ Oder das oberösterreichische Timelkam: Das dortige Biomassekraftwerk schafft für etwa die gleiche Bevölkerungszahl (5000 Einwohner) weit mehr Energieoutput als die Güssinger (183 im Vergleich zu 52 GWh Strom/Wärme). Werner Steinecker, Vorstand des Anlagenbetreibers Energie AG: „Ich habe Hochachtung vor der meinungsbildnerischen Arbeit der Güssinger – aber Timelkam spielt in einer anderen Liga.“
Auch die Umwegrentabilität, die Güssing immer wieder ins Treffen führt, ist kein wirkliches Alleinstellungsmerkmal. Zwar hat sich etwa die von örtlichen Wirtschaftsbetrieben aufgebrachte Kommunalsteuer in zehn Jahren verdoppelt, doch die EU-Regionalförderungen seit dem EU-Beitritt ließen den Umsatz der produzierenden Betriebe im ganzen Burgenland um 96,1 Prozent steigen. Die Kärntner Biomasse-Gemeinde St. Veit an der Glan konnte im Zuge ihrer bereits 18-jährigen Energiestrategie die Kommunalsteuer sogar verdreifachen.

PleiteNoch dazu ist der wirtschaftliche Erfolg der Güssinger durchaus überschaubar. In Summe investierten die Burgenländer bisher rund 70 Millionen Euro in ihr Autarkieprojekt. Eine Summe, die mit jährlich rund 13 Millionen Euro Umsatz nie zurückverdient werden kann. Das Biodieselwerk musste bereits Konkurs anmelden, die Förderungsgesellschaft WIBAG will Zuschüsse zurück. Das Biomassekraftwerk ist schwer überschuldet (minus fünf Millionen Euro Eigenkapital), detto die Biostrom Güssing GmbH und die Fernwärmegesellschaften. Kochs späte Erkenntnis: „Wirtschaftlich gesehen lässt sich mit erneuerbaren Energien zurzeit gar nichts verdienen.“
Was sich Güssing dafür eingehandelt hat, sind Umweltprobleme der anderen Art. Bürgerinitiativen klagen über zunehmende Lärmbelästigung, Umgehung von Behördengenehmigungen und Einleitung von schwermetallverseuchten Abwässern aus so genannten Umweltbetrieben in das Flüsschen Strem, weil die Kläranlage ­Güssings überlastet sei. Erst im Vorjahr bestätigte ein Rechnungshofbericht örtliche Kritiker wie Christian Holler von der lokalen Bürgerinitiative: „Güssing ist ein Potemkin’sches Dorf. Vorne eine grüne Fassade, hinten Dreck und Lärm.“ Energiemanager Koch reagiert mit Gelassenheit: „97 Prozent der Güssinger stehen hinter uns.“

Forsch geforscht Allerdings – sogar er relativiert seit Neuestem: „Es wird immer vom Modell Güssing gesprochen – das ist Quatsch. Jede Region muss ihren eigenen Weg finden.“ Er will Güssing nun viel lieber als Forschungsstandort denn als Umsetzungsmodell verstanden wissen. Das innovative Holzvergasungskraftwerk zur Herstellung von Strom und Wärme soll durch einen so genannten Methanierungsprozess weiter optimiert werden. Er erlaubt die Einspeisung des Holzgases in bestehende Erdgasnetze. Und während in Güssing selbst nur Versuchsanlagen stehen, verkauft der bauernschlaue Burgenländer das Know-how an andere Gemeinden weiter, die in wirtschaftlich nutzbaren Dimensionen bauen sollen.
Und vor allem: Koch will nach dem Flop mit der Biodieselanlage der ersten Generation gemeinsam mit einem portugiesischen Technologiepartner erneut in die Treibstoffproduktion einsteigen. Denn das Holzgas kann auch zu Treibstoff umgewandelt werden. Dann soll es endlich so weit sein mit der Energieautarkie. Zumindest rechnerisch, schränkt Bürgermeister Vadasz sofort ein: „Von der totalen Energieautarkie reden nur ein paar Politiker, die sich mit der Materie nicht auskennen.“

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