Die Medici - Affäre

20.06.201213:56 Uhr
Klandestine Konten: Auf Kohns Konten dürften heimlich Mio geflossen sein

Klandestine Konten: Auf Kohns Konten dürften heimlich Mio geflossen sein

  • Britische und US-Behörden ermitteln gegen Kohn. Kohn erhielt 7 Mio. Pfund für 'Forschungsberichte'.

Der Staatsanwalt durchleuchtet die Bankkonten von Sonja Kohn. Die soll illegal Provisionen von Bernard Madoff kassiert haben.

Mit schwerer Perücke und teurem Schmuck war sie ein unüblicher „player in the world of big ­money“. So wird Sonja Kohn im US-Bestseller „Too Good to Be True: The Rise and Fall of Bernie Madoff“ beschrieben. Autorin Erin Arvedlund widmet der Geschäftspartnerin des zu 150 Jahren Gefängnis verurteilten Milliardenbetrügers Bernard Madoff fast ein ganzes Kapitel. „Kohn leitete Milliarden Dollar, hauptsäch­lich von Europa, an Madoffs Hedgefonds weiter und erhielt dafür Millionen Dollar Kickbacks und Provisionen von ihm“, schreibt Arvedlund. Der Geldfluss lief von New York über die Caymans, die Schweiz und Liechtenstein nach Wien. Letzteres beschäftigt Staatsanwalt Michael Radasz­tics, der seit Jahresbeginn unter der Aktenzahl 604 St 6/09p in der „Strafsache ­Sonja Kohn u. a.“ wegen schweren, gewerbs­mäßigen Betrugs und Untreue ermittelt. Für Kohn gilt die Unschuldsvermutung. „Die Ermittlungen sind noch nicht ab­geschlossen“, stellt Gerhard Jarosch fest. Dass in der Geldwäschemeldestelle des Innenministeriums neue Verdachtsmeldungen zu Sonja Kohn eingegangen sind, will er nicht kommentieren.

Briten fordern Kontenöffnung
Angeheizt werden die Ermittlungen jedenfalls durch Rechtshilfeersuchen an die öster­reichischen Justizbehörden, die FORMAT exklusiv vorliegen. Denn das britische Serious Fraud Office (SFO) und die Kriminal­abteilung des US Department of Justice erheben schwere Vorwürfe gegen Kohn. Ein Auszug: Geldwäsche, Dokumentenfälschung und Wertpapierbetrug. Daher baten die Briten um Öffnung der klandes­tinen Kohn-Konten in Wien. Der Aufforderung wurde nachgekommen. „Die Staatsanwaltschaft Wien ordnet (…) die Erteilung folgender Auskünfte über Bankkonten und Bankgeschäfte durch die Bank Gutmann, Schwarzenbergplatz 16, 1010 Wien, hinsichtlich der auf die Erko Incorporated lautenden Konten, insbesondere jenes mit Nummer 00111134, an“, heißt es in der „Anordnung der Auskunftserteilung (Bankkonten und Bank­geschäft)“ vom 12. Mai 2009. „Es hat behördliche Anfragen gegeben“, bestätigt Rudolf Stahl gegenüber FORMAT. Mehr darf der Bank-Gutmann-Chef mit Verweis auf das Bankgeheimnis nicht sagen. Pikantes Detail: Ex-SP-Finanzminister Ferdinand Lacina saß im Aufsichtsrat sowohl der Bank Gutmann als auch der Bank Medici von Sonja Kohn.

7 Mio Pfund für 'Forschungsberichte'
Begründet wird die von Staatsanwalt Radasztics beantragte Kontenöffnung so: „Im Zuge der englischen Ermittlungen trat zutage, dass ein in Großbritannien domizi­liertes Unternehmen von Bernard Madoff, die Madoff Securities International Ltd. (MSIL) über einen Zeitraum von fünf Jahren hinweg bis 2007 einen Betrag von insgesamt sieben Millionen britischen Pfund an Sonja Kohn für Forschungsberich­te bezahlt hat.“ Die Agenten Ihrer ­Majestät, der Königin von England, hegen den Verdacht, dass die Berichte wertlos waren. Hinter den „Zahlungen von MSIL an Sonja Kohn“ werden nicht nur illegale Pro­vi­sio­­­nen, sondern auch Geldwäscheaktivitä­ten vermutet. Denn die Schnüffler stöber­ten einen „Bestätigungsschein für einen Scheck für die Firma Erko Incorporated auf, aus dem sich die Bankverbindung bei der Bank Gutmann und die oben wiedergegebene Kontoverbindung ergeben“, heißt es im Gerichtsbeschluss: „Die Erko Inc. soll wirtschaftlich der Beschuldigten Sonja Kohn zurechenbar sein.“ Es bestehe der Tatverdacht, dass „Zahlungen abgewickelt wurden, die den Straftatbestand der Geldwäscherei nach englischem Recht“ begründen.

Schweigsame Sonja
Die schweren Vorwürfe will Kohn gegenüber FORMAT nicht kommentieren. „Ich persönlich habe kein Geld erhalten“, sagte Kohn am 21. April in ihrer Einvernahme durch den Staatsanwalt aus. „Meine vorher erwähnte Research-Tätigkeit umfasste sehr breitgefächerte Marktstudien. Über Befragen, woher dann mein Einkommen in dieser Zeit stammte: Ich möchte hiezu keine Angaben machen, dies betrifft meine Privatsphäre und hat mit der Bank Medici nichts zu tun.“ Zur Firma Erko und dem Konto bei der Bank Gutmann sagt Kohn: „Ich kann mich nicht erinnern, ob mir die Firma Erko Incorporated bekannt ist.“ Auch zur Firma Tecno Development & Research, über die viel Geld floss, weiß Kohn nichts: „Ich möchte diese Frage derzeit nicht beantworten, sondern mich in Ruhe informieren.“ Ähnlich ihr Tenor zu zwei weiteren Gesellschaften aus dem Kohn-Geflecht: „Meine Beteiligung an Eurovaleur liegt lange zurück und ist hier eigentlich kein Thema. Zur Beteiligung an PrivatLife möchte ich nicht Stellung nehmen.“


Für eine dritte Kohn-Firma interessiert sich indes die US-Bundespolizei FBI. Zitat aus dem Rechtshilfeersuchen des US-Justizministeriums vom 9. April 2009 (Betreff: „URGENT Request for Assistance in the Matter of Sonja Kohn“): „Zwischen 1998 und 2008 zahlte Bernard L. Madoff Investment Securities LLC (BLMIS) ungefähr 32 Millionen Dollar an Infovaleur Inc., eine Gesellschaft mit Sitz in New York, die ­Sonja Kohn persönlich gehört. Es erscheint nicht, dass Kohn oder Bank Medici den Anlegern der Feeder Fonds je offenlegte, dass Kohn persönlich Zahlungen von Madoff ­erhielt.“ Zumal sie zur selben Zeit über die Feeder Fonds investierte. „Sonja Kohn ist Hauptaktionärin und Aufsichtsratsvorsitzende der Bank Medici, die verschiedene Hedgefonds der Anleger vermarktet, die unter anderem in Europa und den Vereinigten Staaten ihren Wohnsitz haben“, so das US-Justiz-Papier. „Die Hedgefonds umfassen Herald USA, Herald Luxemburg, Thema International und Primeo Select Fonds (zusammen: ‚Feeder Fonds‘). Bank Me­dici handelte als Verwalterin der Feeder Fonds. Zwischen 1998 und 2008 ver­anlasste Bank Medici die Feeder-Fonds, Millionen in BLMIS zu investieren.“


Bank Medici wurde in den Verkaufsprospekten für die Feeder-Fonds als Anlageverwalterin geführt. Dass „BLMIS die alleinige Kontrolle über Handels- oder Anlageentscheidungen hatte“, wurde in den Prospek­ten nie offengelegt. „Durch Unterlassen dieser Offenlegungen betrog Kohn die ­Anleger“, so das US-Justizministerium. Offensichtlich teilt die Wiener Anklage­behörde den Verdacht der Amerikaner: ­Zitat aus dem Radasztics-Papier: „Die Anleger sollen von der Beschuldigten Kohn zur Veranlagung veranlasst worden sein, obwohl diese vom betrügerischen Vor­gehen Madoffs wusste und den Anlegern verschwieg, dass sie die vereinnahmten Beträge ausschließlich im Vehikel des ‚Madoff-Systems‘ investieren würde. Die Bank Medici bzw. Kohn sollen hiefür von Madoff Provisionen in Millionenhöhe erhalten haben.“ Kohn hat mehrfach darauf hingewiesen, selbst ein Opfer des Madoff-Betrugs zu sein. Niemals sei sie mit ihm befreundet gewesen. Im Buch von Arved­lund liest sich das anders: „Sonja Kohn schien Madoff verfallen zu sein. Beob­achter glaubten, sie sei seine Geliebte.“

Von Ashwien Sankholkar

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