Die Medici - Affäre

20.06.201214:15 Uhr
Das dunkle Geheimnis der Medici – Bankpräsidentin Kohn als Madoff-Beraterin

Das dunkle Geheimnis der Medici – Bankpräsidentin Kohn als Madoff-Beraterin

  • Dubiose Geldflüsse zwischen Kohn und Madoff
  • FBI: Bis zu acht Mrd. Dollar an Madoff vermittelt

Exklusiv. Die US-Bundespolizei FBI deckte Millionenprovisionen von Bernard Madoff an Sonja Kohn auf. Die Finanzmarktaufsicht brachte kürzlich eine neue Strafanzeige gegen die Bank Medici ein.

Sonja Kohn steht unter Druck. Die Gründerin der Bank Medici hatte bis dato jede Verwicklung in die US-Affäre Bernard Madoff glatt zurückgewiesen. Nicht nur ihr Wiener Geldhaus sei vom kriminellen US-Broker hintergangen worden, auch sie persönlich habe viel Geld verloren. „Die Bank Medici hat insgesamt 1,3 Millionen Euro in den Herald (LUX) investiert, meine Familie hat drei Millionen Euro und zusätzlich zwei Millionen Dollar in diesen Fonds investiert“, sagt Sonja Kohn. Dass Madoff über Jahre hinweg rund 50 Milliarden Euro Anlegergeld unterschlagen hatte, habe sie wie ein „riesiger Tsunami“ getroffen. Ein Profiteur sei sie nie gewesen. Sie sei ein Opfer. Ganz so unschuldig dürfte Kohn nicht gewesen sein. Das wird durch FORMAT exklusiv vorliegende Ermittlungsakten aus London, New York und Wien belegt. So steckt die 60-jährige Bankerin laut einem Polizei­bericht viel tiefer im Madoff-Skandal, als bisher bekannt war. Gegenüber der Justiz konnte Kohn die neuen Vorwürfe kaum entkräften.

Neue Strafanzeigen
Staatsanwalt Michael Radasztics, der das Strafverfahren unter der Aktenzahl 608 St 4/09p führt, wird seine Ermittlungen wegen schweren Anlegerbetrugs und Untreue jedenfalls ausweiten. Denn seit Untersuchungsbeginn im Februar kamen einige Überraschungen ans Tageslicht: Dubiose Geldflüsse zwischen Madoff und Kohn wurden von der US-Bundespolizei FBI aufgedeckt und eklatante Gesetzesverstöße von der FMA angezeigt. Außerdem hat Radasztics seit Dienstag die Bank Austria und ihren Madoff-Klon Primeo auf seinem Radar. Eine Strafanzeige wirft der Großbank Betrug vor, weil sie die Madoff-Connection zu Primeo verheimlicht und somit Anleger getäuscht hat. Für alle Personen gilt selbstverständlich die Unschuldsvermutung. Angestoßen wurden die Ermittlungen in der Affäre Medici durch eine Straf­anzeige von Gabriel Lansky (FORMAT 7/09). Der prominente Wiener Rechtsanwalt vertritt mehrere Medici-Geschädigte aus Österreich, Russland und der Ukraine. „Sonja Kohn benutzte die Bank Medici als einen Nobelvertrieb für die Madoff-Schein­fonds“, heißt es in der Sachverhaltsdarstellung vom 3. Februar 2009. „Mit ihren reichen Kunden war sie in Europa die Geld-Pipeline zu dem Schneeballsystem von Bernard Madoff.“

Dubiose Provisionen 
Tatsächlich stieß die Polizei in den vergangenen Monaten auf dunkle Geheimnisse der Medici. Offiziell soll Kohn rund 3,5 Milliarden Dollar über diverse Vehikel an Madoff vermittelt haben. In Wahrheit dürfte viel mehr Geld im Spiel gewesen sein. Das Landeskriminalamt Wien schreibt in einem streng vertraulichen „Amtsvermerk vom 9. März 2009“: „Paul E. Caldwell und Cary Gleicher vom FBI teilten mit, dass die bisherigen Ermittlungen der US-Behörden ergeben haben, dass fünf bis acht Milliarden Dollar von der Bank Medici beziehungsweise von Sonja Kohn an Bernard Madoff geflossen sind und Sonja Kohn von Bernard Madoff Provisionen in der Höhe von 900.000 US-Dollar pro Quartal (vermutlich seit der Gründung der Bank Medici 2003) für Research-Tätigkeiten erhalten haben soll, wobei der Verdacht bestehe, dass diese Zahlungen den Wert ihrer Leis­tung bei weitem übersteigen.“ Über die speziellen Dienste, die eine Monatsgage von 300.000 Dollar rechtfertigen würden, schweigt Kohn im Verhör. Als Staatsanwalt Radasztics in der „Beschuldigtenvernehmung vom 21. April 2009“ zur Sprache bringt, dass Kohn „mit der Madoff Securities International Limited einen Beratervertrag abgeschlossen hätte und bis 2007 insgesamt sieben Millionen Pfund erhalten hätte“, verschlägt es ihr kurz die Sprache: „Ich persönlich habe kein Geld erhalten, ich bin auf diese Frage nicht vorbereitet und möchte derzeit keine nähere Stellungnahme abgegeben.“ In der Rolle des reinen Madoff-Opfers hat sie an Glaubwürdigkeit verloren.

Fragwürdige Prospekte
Sonja Kohn und ihre Bank Medici verdienten jedenfalls ein Millionenvermögen mit dem Vertrieb von Herald, Primeo und Thema International. Alle drei Fonds wurden im Endeffekt von Madoff gemanagt. Kohn erklärte der FMA ihre Beziehung zu Madoff am Beispiel des Fonds Herald (LUX): „Madoff hatte eine Handlungsvollmacht. Die Bank Medici hat die Produkte festgelegt, welche gekauft werden sollen. (…) Ich war Ende September 2008 in den USA und traf Madoff. In den Jahren davor traf ich ihn zirka zwei- bis dreimal jährlich. Das erste Mal traf ich ihn vor über 15 Jahren“ (Protokoll vom 22. Jänner 2009). Und gegenüber dem Staatsanwalt ergänzte Kohn: „Basierend auf den Informationen, die man mir gegeben hat, hat die Bernard L. Investment Securities LLC für die Verwaltung der Gelder keine Gebühren entgegengenommen. Dies ist für einen Vermögensverwalter zwar untypisch, Madoff war aber als Broker tätig, er hat sein Geld über Kommissionen aus Aktientransaktionen verdient.“ Kohn und Medici sollen laut Lanskys Strafanzeige über diverse Beteiligungen rund 50 Millionen Euro jährlich an Gebühren für Fondsmanagement und Vertrieb kassiert haben.

Großes Schweigen
Aus der Befragung von Kohn und diverser (Ex-)Medici-Vorstandsdirektoren geht jedenfalls hervor, dass die Madoff-Connection nicht an die große Glocke gehängt werden sollte. Nur ausgewählte Kunden sollten darüber informiert, die breite Öffentlichkeit im Unklaren gelassen werden. Daher ist der Name Bernard Madoff in keinem Prospekt zum Herald-, Primeo- oder Thema-Fonds zu finden. Für den Staatsanwalt liegt nun die ­Vermutung nahe, dass die Bank Medici – und die Bank Austria als Primeo-Verkäufer – gegen gesetzliche Prospekthaftungsregeln verstoßen hat. In der „Sachverhaltsdarstellung zur Bank Medici AG“ vom 6. April 2009 zeigt die FMA genau das an: „Dass die Letztentscheidung über den Anlageprozess somit bei Bernard L. Madoff Securities LLC gelegen ist, ergibt sich nicht aus dem Prospekt des Investmentfonds Herald (Lux) Sicav. Im vollständigen Prospekt ist überdies festgehalten, dass im Falle einer Subdelegation von Befugnissen (des Investmentmanagers) der Prospekt entsprechend zu aktualisieren ist. Dies ist nicht geschehen.“

Gemütliche Kaffeekränzchen
Dieses Verhalten müsse laut FMA-­Papier Konsequenzen haben: „Aus Sicht der FMA ergibt sich zusammenfassend (…), dass die einschlägigen Verantwortlichen der Bank Medici ein strafbares Verhalten im Sinne des Paragraf 44 Absatz 2 Investmentfondsgesetz gesetzt haben.“ Im Paragraf 44 InvFG heißt es dazu: „Wer in einem veröffentlichten Prospekt eines in- oder ausländischen Kapitalanlagefonds (…) über erhebliche Umstände unrichtige vorteilhafte Angaben macht oder nach­teilige Tatsachen verschweigt, (ist) mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bis zu 360 Tagessätzen zu bestrafen.“ Zur Verantwortung gezogen wird in erster Linie der Bankvorstand. Doch auch der von Kohn präsidierte Aufsichtsrat, dem etwa Ex-SP-Finanzminister Ferdinand Lacina oder Ex-VP-Wirtschafts­minister Johannes Farnleitner angehören, muss sich verantworten. „Ich selbst hatte nie mit Madoff zu tun“, verteidigte sich beispielsweise Farnleitner in einer FMA-Befragung am 26. Februar 2009. Die ­Sitzungen des Medici-Kontrollgremiums dürften den Charakter von Kaffeekränzchen gehabt haben. Die jährlichen Millionengewinne der Bank wurde niemals im Detail hinterfragt. Wieso auch? Viel wichtiger war den fünf Aufsichtsräten, dass die eigene Kasse stimmte. So erhielt zuletzt jeder Aufsichtsrat 20.000 Euro im Jahr – für vier Sitzungen. Farnleitner laut Protokoll: „Frau Kohn war zu meiner Zeit als Wirtschaftsminister als Konsulentin für das Ministerium kostenlos tätig. Danach war ich ihr Konsulent.“ Lacina hat die Medici-Affäre nicht nur Reputation ge­kostet, sondern auch sein Aufsichtsratsmandat in der Bank Gutmann der Industriellen­familie Kahane.

Geldwäscheverdacht 
Wegen ihrer Verwicklungen in die Madoff-Affäre steht Sonja Kohn nun auch bei internationalen Banken unter Beobachtung. So zeigte ein Luxemburger Geldhaus die Herald Asset Management Ltd (HAM) wegen Geldwäscheverdacht an. Die auf den Cayman Islands domizilierte HAM – sie ist der Investmentmanager des Herald-Fonds – zog kurz nach Auffliegen des Madoff-Skandals alle Guthaben bei der Bank ab. „Wirtschaftlicher Begünstigter ist KOHN Sonja“, heißt es in einer Meldung der Staatsanwaltschaft Luxemburg an das Wiener Innenministerium. Je 6,5 Millionen Dollar bzw. Euro seien auf das Konto einer Anwaltskanzlei in Gibraltar geflossen. Die Optik ist mehr als schlecht: Denn zur selben Zeit wurde Herald-Anlegern der Zugriff auf ihr Vermögen verweigert.

Von Ashwien Sankholkar

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