Immofinanz - Affäre

19.06.201214:17 Uhr
Weitere Razzien zur Immofinanz-Affäre: Der Kreis der Verdächtigen hat sich erweitert

Weitere Razzien zur Immofinanz-Affäre:
Der Kreis der Verdächtigen hat sich erweitert

  • Fries' Rolle bei CPB-Spekulation wird nun geprüft
  • Gertner, Hable, Schwager der Untreue verdächtigt

In der Immofinanz-Affäre fanden Razzien bei prominenten Wirtschaftsbossen statt. Dubiose Millionenzahlungen an frühere Organe der Constantia Bank beschäftigen die Justiz.

Am Badener Erzherzog-Rainer-Ring brach am Mittwoch der Vorwoche große Hektik aus. Auf Anordnung der Staatsanwaltschaft Wien durchsuchte eine Sondereinheit der „Soko Constantia“ die Kanzlei des Wirtschaftsanwalts Rudolf Fries (im Bild). Auch auf seinem Gutshof im Triestingtal fand eine Razzia statt. Der Grund für den strafbehördlichen Überraschungsbesuch: Die Justiz hat ihre Ermittlungen in der Immofinanz-Affäre auf Fries und weitere Personen ausgedehnt. „Wir führen Herrn Fries als neuen Beschuldigten“, bestätigt Staatsanwalt Gerhard Jarosch gegenüber FORMAT.

Staatsanwalt überprüft Fries
Geprüft wird die Rolle von Fries bei der Verschleierung fragwürdiger Spekula­tionen der Constantia Privatbank (CPB). Diese kaufte 2006 rund 100 Millionen ­Aktien der Immofinanz-Gruppe mit deren eigenem Geld. Als die Papiere massiv an Wert verloren, übernahm Fries einen Teil des Pakets und bekam als Sicherheit eine Put-Option der damaligen CPB-Eigen­tümerin Constantia B.V. (siehe Artikel). „Wir sind Geschädigte und müssen um 390 Millionen Euro, die uns die Constantia B.V. schuldet, vor Gericht kämpfen“, sagt Anwältin Christa Fries und weist die Vorwürfe gegenüber ihrem Ehemann entschieden zurück: „Mir sind die Hausdurchsuchungen ein völliges Rätsel. Der Staatsanwalt hat alle Unterlagen schon gekannt, oder wir hätten sie ihm jederzeit sofort geschickt.“ Das Ehepaar Fries sagt, man hätte nie Immofinanz-Aktien kaufen wollen. Es sei um ein reines Finanzierungsgeschäft mit elf Prozent Verzinsung gegangen.

Erweiterter Verdächtigenkreis
Unangekündigten Besuch von der ­Kripo gab es am 29. April auch in Wien, Nieder- und Oberösterreich. Aus dem FORMAT vorliegenden Durchsuchungsbefehl vom 23. April 2009 geht hervor, dass der Staatsanwalt den Kreis der Verdächtigen erweitert hat. Für alle genannten Personen gilt die Unschuldsvermutung. Laut Staatsanwalt Jarosch werden neben Fries nun auch die in Wirtschaftskreisen prominenten Norbert Gertner, Ernst Hable und Helmut Schwager als Beschuldigte geführt. Gertner war Vorstand in der Constantia Privatbank, Immoeast und Immofinanz, Schwager saß bis zum Auffliegen der Immo-Affäre im Aufsichtsrat der drei Gesellschaften.

Vorwurf der Untreue
Der ermittelnde Staatsanwalt Norbert Haslhofer wirft dem Trio in einem Nebenstrang der Immo­finanz-Affäre Untreue vor. Gemeinsam mit Ex-Immofinanz-Boss Karl Petrikovics sollen sie laut Durchsuchungsbefehl Ende 2006 und Anfang 2007 rund 20 Millionen Euro mit fingierten Optionsgeschäften verdient haben. Steuerberater Hable, der sich beim Verkauf der Böhler-Anteile vor zwei Jahren gemeinsam mit Fries eine goldene Nase verdient hat, wird in diesem Zusammenhang als Treuhänder genannt, der Beihilfe zu dem illegalen Treiben der Constantia-Manager geleistet haben soll. „Ein Treuhänder zu sein ist doch nichts Verwerfliches“, verteidigt sich Hable. „Ob meine Treugeber ein Untreuedelikt begangen haben, muss das Gericht entscheiden. Den Treuhänder trifft keine Schuld. Das werde ich dem Staatsanwalt genau erklären.“

Keine Optionsprämie vereinbart
Doch Ankläger Haslhofer liegen Ver­träge vor, die für Hable, aber mehr noch für Gertner und Schwager höchst unan­genehm werden könnten. Über einen ­Optionsvertrag vom 23. Mai 2005 heißt es im Razzia-Beschluss: „Darin räumte die CPB Immobilien- und Mobilienvermietungsgmbh (CPB-IMV) Herrn Ernst Hable das Recht ein, bis zum 23. Mai 2008 zum Kurs von 6,72 Euro plus drei Prozent Refinanzierungskosten 1,05 Millionen Stück Immofinanz-Aktien zu kaufen. Der Tageskurs für Immofinanz-Aktien betrug am 23. Mai 2005 7,11 Euro.“ In drei mit 15. Oktober 2004, 24. Juni 2005 und 14. Juli 2005 datierten Verträgen steht Ähnliches. Was der Staatsanwalt an den Kontrakten besonders auffällig findet: „In allen Fällen unterließ es die CPB-IMV entgegen der marktüblichen Usancen, mit Herrn Ernst Hable eine Optionsprämie zu vereinbaren. Diese hätte nach Mitteilung der Finanzmarktaufsicht … insgesamt zwischen 5,3 und 6,4 Millionen Euro betragen.“

Millionenüberweisungen
Um den Jahreswechsel 2006/07 war es dann so weit. Hable stellte die Optionen vorzeitig glatt und kassierte die Differenz zwischen Börsenkurs und Optionspreis. „Insgesamt wurden von der CPB-IMV im Dezember 2006 und Jänner 2007 19,99 Millionen Euro an Ernst Hable überwiesen.“ Doch das Geld war gar nicht für Hable bestimmt, wie aus einem bei Hausdurchsuchungen sichergestellten Datenträger hervorgeht. Die Polizei konnte die gelöschten Dateien rekonstruieren und Gertner, Petrikovics und Schwager als ­Hables Treugeber festmachen. Als solche teilten sie ihm präzis mit, wann und auf welche Konten er den Erlös überweisen sollte. So landeten etwa bei Gertner und Schwager jeweils 5,7 Millionen Euro. Zwei Vorstände und ein Aufsichtsrat der CPB machten also ein Vermögen mit Immofinanz-Optionen, die indirekt ihre eigene Bank ausgegeben hatte und für die sie nicht einmal eine Prämie zahlten.

Schlechtes Gewissen
Die Enthüllungen erhöhen den Druck auf Norbert Gertner. Bislang war er peinlich darauf bedacht, sich an seinem einstigen Kovorstand Petrikovics abzuputzen. Das glaubt ihm nun keiner mehr. Immerhin weiß auch der Staats­anwalt, dass Gertner die umstrittene Kooperation mit dem Strukturvertrieb AWD miterfunden hat. Immofinanz-Papiere als mündelsicher zu verkaufen soll ebenfalls auf seinem Mist gewachsen sein.
Offensichtlich packte Gertner & Co später das schlechte Gewissen oder besser: die Angst. Über Anwalt Winfried Schwarz ließen sie der CPB Ende des Vorjahres 7,7 Millionen Euro zur Schadenswiedergutmachung zukommen. Angaben dar­über, „welche konkreten schädigenden Handlungen diesen Zahlungen zuzuordnen sein sollen, wurden offenbar bewusst unter­lassen“, heißt es im Gerichtsakt. Und reingewaschen haben sich die CPB-Manager durch diese tätige Reue noch lange nicht. Die Justiz vermutet in der großen Anzahl „strafrechtlich bedenklicher Wertpapiertransaktionen“ weitere Tatbestände.

Von Ashwien Sankholkar

pixel