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21.12.2008 15:28

TRENDs in der Glücksspielindustrie:
Vegas war gestern, Chile ist heute

  • Selbst krisenfeste Glücksspielindustrie leidet 2009
  • Gesetz: Automatenspiel landesweit liberalisieren

Spielerpaläste in Chile oder China lösen Las Vegas als Welthauptstadt der Zocker ab; Online-Anbieter trotzen der Finanzkrise, in Österreich beschert ihnen das Gesetz aber kein Glück.

Aussehen wie die junge Sharon Stone. Das wollen viele Frauen. In unzähligen Filmen schon verdrehte die kurvenreiche Blondine mit dem ebenso attraktiven Gesicht den Männern den Kopf. Unvergessen ist ihr Auftritt in Martin Scorseses Film „Casino“ 1995, in dem die Amerikanerin eine berechnende Edelprostituierte mimt, angesichts deren selbst hartgesottene Casino-Manager weiche Knie bekommen. Das Werk über das Leben der Strippenzieher hinter den Kulissen von Las Vegas wurde ein weltweiter Kassenschlager, einer von vielen, der von der schillernden Spielerwelt mitten in der Wüste Nevadas erzählt.

Macau vor Nevada
Doch allmählich scheint der Glanz der berüchtigten Zockeroase zu verblassen, neue Glücksspieltempel schießen aus dem Boden und machen Las Vegas erfolgreich Konkurrenz. Macau zum Beispiel. Auf einer kleinen Insel vor der Küste Chinas wird mittlerweile mehr Geld verzockt als in Nevada. Und auch an der Ostküste der USA, etwa in Atlantic City in New Jersey, locken Luxuscasinos die Menschen in Scharen an. Nur die Finanzmarktkrise trübt die Spiellaune der Erdenbürger, die Branche rechnet für 2009 mit stagnierenden Umsätzen. Von der Flaute vergleichsweise wenig betroffen sind dagegen Online-Anbieter. Laut Experten liegt die Wettzukunft im Internet, wo weiter – wenn auch mit geringeren Einsätzen – gezockt werden soll.

Rot-weiß-rote-Glücksritter
In Europa gibt es Spielertempel à la Las Vegas bislang nicht. „Die Spielkultur der Europäer ist anders. Die Strukturen hier sind viel kleiner“, sagt Franz Wohlfahrt, Chef der Novomatic-Gruppe. Also verwirklicht der expansive Konzern aus Gumpoldskirchen einen Teil seiner Projekte vermehrt in entlegenen Destinationen: In Chile hat Novomatic in Kooperation mit der südafrikanischen Firma Sun International soeben ein riesiges Resort-Casino eröffnet, das über 1.500 Automaten und 120 Spieltische verfügt. Zum Vergleich: In Österreich haben die zwölf Spielbanken der Casinos Austria nur 1.900 Automaten. Im Sommer 2009 soll die gesamte Anlage vor den Pforten von Santiago de Chile fertig gestellt sein, dazu gehören unter anderem ein Einkaufszentrum, ein Fünf-Sterne-Hotel, ein Theater sowie mehrere Sportanlagen. Der kleine österreichische Markt ist auch den Casinos Austria und den Österreichischen Lotterien nicht genug (so wie Novomatic gehören sie zu den heimischen Top-Playern).

Lotto in Russland
Den Lotterien ist nun ein lukrativer Coup gelungen: Ab 2009 werden sie in der russischen Provinz Baschkortostan Lotto – ähnlich „6 aus 45“ – anbieten. Für die Lotterien ist das Vorhaben wegweisend, zumal das Auslandsgeschäft mit der Schließung der erfolgreichen Ungarn-Tochter als Folge einer Gesetzesänderung 1996 gänzlich weggebrochen war. Von dem Russland-Projekt profitieren auch die Casinos, die 68 Prozent an den Lotterien halten. Casinos-General Karl Stoss würde aber lieber selbst einen Erfolg in Russland landen. Er will dort Casinos eröffnen, was unter anderem wegen fehlender Infrastruktur aber noch dauern dürfte. Die Auslandsaktivitäten der Casinos sind überschaubar, der Fokus liegt auf dem Heimmarkt, wo das Unternehmen zwölf Casinos betreibt. Für riesige Zockertempel hat Stoss wenig übrig, er legt Wert auf stilvolles, schlichtes Ambiente: „Ich glaube nicht, dass monströse Casinos im Las-Vegas-Stil wirtschaftlich sinnvoll und wünschenswert für unser Land wären.“

Schwächelndes Business
Finanzmarktkrise und schwächelnde Konjunktur sorgen allmählich auch in der Zockerbranche für Unruhe. 379 Milliarden Dollar wurden 2007 global umgesetzt; die Erlöse für 2009 sollen mit 410 Milliarden ähnlich hoch ausfallen wie 2008. Der Offline-Bereich (etwa Casinos und Lotto) ist sogar rückläufig, das Online-Spiel kann hingegen zulegen. Erst 2010 soll es wieder bergauf gehen. „Die Finanzkrise lässt keinen Wirtschaftszweig aus“, sagt Wohlfahrt, und Stoss spricht von „empfindlichen Einbußen bei Besucherzahlen und Erträgen“, so die Krise auf die Realwirtschaft durchschlägt, woran Experten längst keinen Zweifel mehr hegen.

Stillstand in Vegas
In Vegas bleiben Touristen aus, Hotels entlassen Mitarbeiter, Bauprojekte werden aufgeschoben. Dabei hatte diese Geldquelle seit den 70ern Jahr für Jahr stärker gesprudelt und war nur nach den Terroranschlägen vom 11. September kurz versiegt. Die alte Faustregel, wonach das Glücksspiel eine rezessionssichere Branche sei, erweist sich immer mehr als Irrtum. Auch in Macau wird weniger gezockt, teils aber auch wegen verschärfter Einreisebedingungen.

Wirbel um Gesetze
Von der Finanzkrise verschont, müssen private Online-Wettanbieter aber gesetzliche Hürden überwinden – auch in Österreich. Die Regierung will am Gesetzesentwurf von Exfinanzminister Wilhelm Molterer festhalten. Im jüngst präsentierten Regierungsprogramm steht, man werde am „Glücksspielmonopol als Grundlage der Finanzierung des österreichischen Sports“ festhalten. Im Klartext: Private Online-Wetten bleiben verboten, wovon vor allem der Online-Monopolist der Casinos Austria, Win2day, profitiert. bwin-Anwalt Thomas Talos bedauert das Vorhaben und hofft auf ein Einlenken der Politik.

Vorwurf der Rechtwidrigkeit
Im Interview bezeichnet bwin-Chef Manfred Bodner das Gesetz als „europarechtswidrig“. Während Neo-Finanzminister Josef Pröll zur prekären Causa vorerst keine Stellungnahme abgeben will, lässt ÖVP-Finanzstaatssekretär Reinhold Lopatka zumindest ausrichten, dass die Begutachtungsfrist am 4. Dezember zu Ende gegangen sei: „Wir haben mehr als 60 Stellungnahmen erhalten, die von Experten des Finanzministeriums derzeit geprüft und eingearbeitet werden.“ Darunter befindet sich auch ein von den beiden Experten Heinz Mayer und Walter Schwartz für bwin ausgearbeiteter Gesetzesentwurf, in dem Online-Wettanbieter berücksichtigt werden. Molterers Novelle sorgt aber nicht nur bei bwin für Ärger. Auch Karl Stoss und seine Vorstandskollegen bekunden in einem fünf Seiten langen Schreiben an das Finanzministerium ihren Unmut.

"Lex Novomatic"
Grund dafür ist die geplante landesweite Legalisierung des Automatenspiels; „Insbesondere wird die Einführung von Automatensalons einen beträchtlichen Rückgang der Einspielergebnisse der zwölf inländischen Spielbanken (...) im Bereich des Automatenspielergebnisses zur Folge haben.“ Kritiker sprechen nun von einer „Lex Novomatic“, zumal für eine Bundesautomatenkonzession nur Unternehmen mit 50 Millionen Euro Stammkapital in Betracht kommen – also die Novomatic-Gruppe, die mit 60 Millionen Euro als einziger privater Anbieter dafür infrage kommt (bwin hat rund 30 Millionen Euro, Anm.). Novomatic-Chef Wohlfahrt nimmt die Kritik gelassen: Die Liberalisierung des Automatenspiels sei in jedem Fall sinnvoll, um dem illegalen Glücksspiel einen Riegel vorzuschieben. Sharon Stone wird man dabei freilich nie antreffen.

Von Silvia Jelincic

21.12.2008 15:28
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