Immofinanz - Affäre

19.06.201214:23 Uhr
Tatort Immofinanz: Wachsender Verdacht der privaten Bereicherung, Anzeigen folgen

Tatort Immofinanz: Wachsender Verdacht der privaten Bereicherung, Anzeigen folgen

  • Gelder vermutlich in großem Stil umhergeschoben
  • Verdacht der privaten Bereicherung verdichtet sich

Die Justiz macht in der Constantia-Immofinanz-Affäre ernst. Nach den Razzien könnten bald Anklagen folgen. Es gibt neue Verdachtsmomente. Auch die Constantia-Erbin wird Ex-Banker Karl Petrikovics klagen.

Über die dramatischen Ereignisse kursieren zwei Versionen. Die eine besagt, erst die Drohung der Beamten, ihn sonst mitnehmen zu können, habe Karl Petrikovics bewogen, den Protest gegen die Durchsuchung seines privaten Domizils aufzugeben. Petrikovics selbst versichert hingegen: „Ich habe voll kooperiert.“ Tatsache ist: Ein Trupp von Wirtschaftspolizisten schleppte am 25. November zuhauf Aktenordner aus der Villa in einer noblen Wohngegend in Wien-Hietzing. Ein Großaufgebot von drei Dutzend Fahndern durchstöberte gleichzeitig Büros der Constantia Privatbank und der Immofinanz samt Tochter Immoeast. Chef aller drei Gesellschaften war bis vor kurzem Karl Petrikovics.

Der Durchsuchungsbefehl
Die richterliche Anordnung für die Razzia, die dem Banker, der jahrelang als einer der Super-Manager Österreichs galt, unter die Nase gehalten wurde, enthält schwerwiegende strafrechtliche Vorwürfe. Ein Auszug:
1. Verdacht des Betruges an Anlegern im Zusammenhang mit Kapitalerhöhungen
2. Verdacht der Untreue zum Nachteil von Immofinanz und Immoeast durch Neuabschluss von Managementverträgen im Juli 2007
3. Verdacht der Verletzung der Prospektpflicht
4. Verdacht nach § 255 AktG. (Bilanzmanipulation)
5. Verdacht nach § 48b BörseG. (Missbrauch einer Insiderinformation)

Lässt Meinl-Affäre verblassen
Über die dubiosen und teilweise noch immer nicht ganz durchsichtigen Geldflüsse, die den zuständigen Staatsanwalt Norbert Haslhofer zu diesem Paukenschlag veranlassten, hat FORMAT laufend berichtet. Jetzt steht Petrikovics endgültig im Zentrum eines Skandals, gegen den die Meinl-Affäre fast schon verblasst. Namentlich beschuldigt werden noch Ex-Immoeast-Finanzvorstand Christian Thornton, ebenfalls Ziel der Razzia, und der Wiener Universitätsprofessor Christian Nowotny, früher Aufsichtsrat der Immofinanz Beteiligungs AG (IBAG), sowie andere ehemalige Mitarbeiter der Constantia Privatbank (CPB). Für alle gilt die Unschuldsvermutung.

Ordnerweise Unterlagen
Petrikovics weist FORMAT gegenüber die Anschuldigungen des Betrugs und der Untreue strikt zurück und betont: „Ich werde alles aufklären können.“ Bis dato ist ihm das nicht gelungen. Über die persönlichen Einvernahmen vor rund zwei Wochen steht im Durchsuchungsbefehl, dass sie „die Verdachtsmomente keineswegs zufrieden stellend ausräumen konnten“. Die Fahnder stellten bei Petrikovics zwar ordnerweise Unterlagen sicher. Dem Vernehmen nach fehlen dennoch wichtige Dokumente, was sich aus den fortlaufenden Aktenzahlen ableiten lässt. Über deren Verbleib wisse er nichts, beharrt Petrikovics gegenüber den Ermittlern. Hingegen soll Christian Thornton in den vergangenen Tagen sehr auskunftsfreudig gewesen sein, offenbar um in den Genuss einer Kronzeugenregelung zu kommen.

Verdacht der privaten Bereicherung
Der Tatort Immofinanz könnte einer der unappetitlichsten Fälle der jüngeren Wirtschaftsgeschichte werden. Die Anzeige der Finanzmarktaufsicht (FMA) wegen Bilanzmanipulation ist nur noch ein Nebenschauplatz. Nach dem neuesten Wissensstand sind die FMA-Spürnasen und der Staatsanwalt überzeugt, dass in großem Stil – widerrechtlich – Geld umhergeschoben wurde. Erste Anklagen scheinen nur noch eine Frage der Zeit. Parallel dazu hält sich hartnäckig der Verdacht, dass sich Organe der CPB und der Immofinanz-Gruppe auch privat bereichert haben könnten. Forensik-Spezialisten des Wirtschaftsprüfers PricewaterhouseCoopers (PwC) untersuchen Hunderte Deals. Aktionärsvertreter bereiten gigantische Sammelklagen vor. Sogar Constantia-Erbin Christine de Castelbajac will gegen ihre einst engsten Vertrauten zu Gericht ziehen. Eine Klage gegen Petrikovics ist schon fix, bestätigt ihr Sprecher. Anwalt Christian Kuhn feilt gerade an der Formulierung. Castelbajac fühlt sich von Petrikovics arglistig getäuscht.

Ein Rückblick
Der Fall im Rückblick: Im Frühjahr 2007 erlöste die Immoeast 2,7 Milliarden Euro aus einer Kapitalerhöhung. 900 Millionen davon flossen in die CPB, von der aus Immofinanz und Immoeast gemanagt wurden. Dazwischengeschaltet wurde die IBAG, die angeblich eine Anleihe begab, welche die Immoeast zeichnete. Für deren Exis­tenz gibt es jedoch keinen Beweis, nur einen von Christian Nowotny erstellten Entwurf. Wahrscheinlich ist, dass dieser nachträglich angefertigt wurde, um den Wirtschaftsprüfer KPMG ruhigzustellen. Eine vom Prüfer verlangte Haftung (für die IBAG) von der Constantia B.V., der Holding von Christine de Castelbajac, trägt eine unleserliche Unterschrift, die niemandem zuordenbar ist.

Das Milliarden-Karussell
Mit den 900 Millionen wurden Aktien der börsennotierten Immobiliengesellschaften erworben, deren Wert danach in den Keller ging. Um das abenteuerliche Milliarden-Karussell unter der Decke zu halten, wurde ein Teil der Aktien an den Badener Anwalt Rudolf Fries und an Spitz-Eigentümer Walter Scherb verkauft, die als Sicherheit von der Constantia B.V. eine Put-Option für die Papiere bekamen. Der Erlös floss an die Immoeast zurück. Offen blieben 520 Millionen. Die sollten größtenteils durch den Verkauf der Managementverträge – erhoffter Preis: 440 Millionen – getilgt werden. Diese Verträge mit der Immofinanz-Gruppe (Chef: Petrikovics) verlängerte die Constantia Bank (Chef: Petrikovics) Mitte 2007 gleich um zehn Jahre – ein Umstand, für den sich der Staatsanwalt nun besonders interessiert, da er eine Schädigung der Aktionäre unterstellt. Dazu kam es jedoch nicht mehr, weil die Sache schon vorher explodierte.

Vermögen verloren
Christine de Castelbajac dürfte von alledem nur oberflächlich informiert gewesen sein. Ihre Constantia B.V. kassierte zwar heuer noch 33 Millionen Gewinnausschüttung von der CPB, dennoch hat die Dame den Großteil ihres Vermögens verloren. Ihre Bank musste sie um einen Euro abgeben. Bei ihrem Verpackungskonzern Constantia Packaging AG bereitet die Bank Austria einen Bieterprozess für 26 Prozent der Aktien vor, weil sie um einen 160-Millionen-Kredit an die Muttergesellschaft Constantia B.V. fürchtet. Branchenkenner gehen davon aus, dass eine Minderheit in der jetzigen Situation unverkäuflich ist. Somit könnte auch die Packaging AG bald komplett weg sein.

Risiko nicht bewusst
175 Millionen Euro Gesellschafterzuschuss, die nötig waren, damit Anwalt Fries der Constantia Bank Anfang 2008 Immofinanz-Aktien abnahm, hatte Chris­tine de Castelbajac noch zugestimmt. Sie wollte jede Publicity vermeiden. Die enor­men Risken, die sie durch diverse Haftungen und Put-Optionen einging, waren ihr jedoch kaum bewusst. Die Fries-Optionen bedrohen sie mit über 400 Millionen. Ein Teil soll bald eingelöst werden. Castelbajac fühlt sich von ihren Beratern hintergangen. Aus ihrem Umfeld verlautet, dass nach der Klage gegen Petrikovics auch der langjährige Stiftungsvorstand Guido Schmidt-Chiari, Constantia-Manager Helmuth Schwager und Prinz Michael von Liechtenstein, der Geschäftsführer der Constantia B.V., belangt werden könnten.

Auffällige Privatgeschäfte
Einer der heikelsten Punkte, dem die laufenden Ermittlungen nachgehen: Haben Organe aus dem Constantia-Immofinanz-Komplex private Immobiliengeschäfte mit den Gesellschaften getätigt? Vermutungen, dass etliche Personen Liegenschaften erwarben und mit Gewinn an die Immofinanz-Gruppe weiterveräußerten, häufen sich. Petrikovics schließt das für sich „hundertprozentig“ aus und will auch sonst nie etwas bemerkt haben. Es gibt aber eine Reihe auffälliger Deals. So will Petrikovics nicht sagen, wieso er als Chef der CPB Rudolf Fries auch eine Put-Option für dessen riesiges Entwicklungsprojekt am Wiener Arsenal gegeben hat. Fries hat dieses vor Jahren von der Bundesimmobiliengesellschaft erworben und bekam das Recht eingeräumt, das Arsenal-Projekt für stolze 70 Millionen Euro an die CPB weiterzuverkaufen.

Von Andreas Lampl und Ashwien Sankholkar

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