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24.09.200815:58 Uhr

Austrian Airlines-Privatisierung: Letzter Aufruf für Lufthansa, Air-France und S7

  • Vertrauliches Merrill Lynch-Papier enthüllt Details
  • Skurille Vorschriftten, strenge Geheimhaltung

Ein vertrauliches Papier von Merrill Lynch schreibt vor, was die verbliebenen AUA-Bieter Lufthansa, Air-France und S7 in den letzten vier Wochen tun müssen – und was sie nicht dürfen.

Es ist der letzte Aufruf für den Einstieg in die AUA für Lufthansa-Boss Wolfgang Mayrhuber, Air-France-Chef Jean-Cyril Spinetta und Wladislaw Filew, den CEO der russischen S7: Die Due Diligence, die heiße Phase, in der potenzielle Käufer den Staatscarrier prüfen können, ist im Gange. Der Datenraum, der nach einem penibel vorgegebenen Prozedere benutzt werden darf, ist seit dem 17. September geöffnet. In den nächsten vier Wochen werden viele Köpfe rauchen. Lufthansa und Co haben ihre Teams für die spektakulärste Privatisierung, die Österreich seit langem gesehen hat, in Stellung gebracht.

Vier Wochen Hochspannung
Ein vertrauliches Papier der Investmentbank Merrill Lynch zeichnet ein exaktes Bild, was sich in den nächsten vier Wochen abspielen wird. Bis 21. Oktober, 11 Uhr, müssen die finalen Angebote (ohne Preis) bei Merrill Lynch eingelangt sein. Gefordert sind unter anderem: ein Strategiekonzept (nicht mehr als 40 Seiten) inklusive Businessplan von 2008 bis 2013; die volle Finanzierung inklusive Garantien für das Fremdkapital; und die Details der Transaktionsstruktur im Hinblick auf den Erhalt der Betriebsgenehmigung und der Verkehrsrechte der AUA.

Mehrheit für Österreicher?
Dieser Punkt verspricht vor allem bei der S7 viel Spannung: Die hat das Problem, dass die AUA laut EU-Recht ihre Lizenz verlieren würde, wenn sie von einem Nicht-EU-Eigentümer kontrolliert wird. Der Plan, durch die Zwischenschaltung einer Privatstiftung Abhilfe zu schaffen (Format berichtete exklusiv), wird wahrscheinlich wieder verworfen – weil rechtlich kaum haltbar. Stattdessen herrscht bezüglich der zweiten Variante Optimismus, nämlich ein privates Österreich-Konsortium zusammenzubringen, das stabil 51 Prozent an der AUA hält. Ludwig Scharinger, Boss von Raiffeisen Oberösterreich, und der Finanzexperte Stephan Zöchling sollen bei der Sondierung gut unterwegs sein, heißt es aus Kreisen der S7 (Siehe Auf der Suche nach starkem Österreich-Konsortium).

Argumente Ost-Drehkreuz und Allianzwechsel
Mit der Lufthansa ist die AUA schon jetzt engstens verbandelt. Die Stärke der Deutschen könnte auch kompensieren, dass die AUA für ihren Heimmarkt viel zu groß ist. Es gibt aber Befürchtungen, der Airport Wien könnte seine Rolle als Ost-Drehkreuz verlieren. Diese Angst ist bei Air France-KLM geringer. Jedoch würde die AUA ein notwendiger Allianzwechsel sowie der Verlust der Kooperationen mit der Lufthansa Hunderte Millionen Euro kosten.
Bei den Verkäufern wird die Air France als Bieter 1 geführt, S7 als Bieter 2 und die Lufthansa als Bieter 3. Ob das auch eine Wertung auf Basis der Erstangebote bedeutet, will niemand bestätigen.

Finales Angebot
Das finale Angebot inklusive Preis hat Deadline am 24. Oktober um 20 Uhr. Es muss einen Cash-Preis pro AUA-Aktie enthalten, zahlbar an alle Aktionäre. Damit steht ein Pflichtangebot für die Kleinaktionäre bereits fest. Gefordert ist eine klare Summe, keine Bandbreite. ÖIAG-Chef Peter Michaelis will die 41,6 Prozent des Staates an der AUA komplett verkaufen.
Aufhorchen lässt folgende Formulierung in den Unterlagen, die Merrill Lynch den drei Kandidaten gesandt hat: „Der Preis wird ein wichtiger Faktor für die Auswahl des bevorzugten Bieters sein“ – vorausgesetzt, die Betriebslizenz der AUA kann gesichert werden. Bislang war immer vom Vorrang der Strategie die Rede.

Codename „Aquila“
Das Papier zum Projekt mit dem Codenamen „Aquila“ spricht von einer „kommerziell höchst sensiblen Transaktion“. Es gelten strenge Regeln und während des gesamten Prozesses. So darf ein Bieter unter keinen Umständen das Management oder einen Mitarbeiter der AUA kontaktieren, auch keinen Aktionär. Der sogenannte Datenraum ist in Wahrheit eine Website, welche die relevanten Informationen enthält. Die Zugangsrechte dafür vergibt Merrill Lynch, wo der Österreicher Peter Kollmann die Fäden für den AUA-Deal zieht. Verwaltet wird der streng geheime Online-Raum von der Firma IntraLinks. Kein Zutrittsberechtigter darf User-Namen und Passwort mit jemandem anderen teilen. Er darf laut den schriftlich mitgeteilten Regeln seinen Computer nicht verlassen, solange er auf der Seite angemeldet ist – und muss sicherstellen, dass Inhalte für andere nicht sichtbar sind.

Skurrile Anweisungen
Etwas skurril mutet folgende Anweisung an: Erhält ein User Zutritt zu Bereichen des Datenraums, von denen er weiß oder vermutet, dass er dort keinen Zugang haben sollte, muss er diese sofort verlassen und IntraLinks informieren. Telefonnummern in London und New York sind dafür angegeben. Gleiches gilt bei Dokumenten, die er nicht lesen dürfte. Diese müssen dann sofort geschlossen, alle Kopien vom Computer gelöscht werden. Alle Fragen von Bieterseite müssen elektronisch über den Q&A Excel Log gehen. Es darf keine Frage zweimal gestellt werden und keine, wo die Antwort darauf im Datenraum-Material gefunden werden könnte. Die Anzahl der Fragen ist mit 25 pro Arbeitstag limitiert. Antworten von Merrill Lynch kommen einmal täglich, generell nach 18 Uhr.

Von Andreas Lampl

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